Demokratie leben und lernen
Grundlagen zur politischen Bildung – ein interkantonales Projekt für die Volksschule
Wer am Leben einer Gemeinschaft partizipieren soll und will, muss früh Gelegenheit bekommen, dies zu lernen. Das Projekt Ideenbüro der Primarschule Leubringen/Evilard (Seite 10 in diesem Heft) zeigt eine breite Palette von Bereichen, in denen schon Kinder der Unter- und Mittelstufe mitbestimmen und Verantwortung übernehmen können. Sie leben und lernen dabei Demokratie, arbeiten also im Bereich der politischen Bildung. Bereits in der Unterstufe soll nämlich das Mitentscheiden und Mitverantworten – beides Kernanliegen der politischen Bildung – gelernt und geübt werden. Damit werden die Grundlagen gelegt für die weitere Arbeit in der Oberstufe und der Sekundarstufe II. Zur Unterstützung der Lehrpersonen wird gegenwärtig ein Grundlagenband zur politischen Bildung erarbeitet.
Politische Bildung hat zum Ziel, Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zur politischen Mündigkeit zu begleiten und zu unterstützen. Im Vordergrund stehen folgende Aspekte:
- Wahrnehmen/analysieren (Hintergrund)
- Beurteilen/Stellung nehmen (Persönliche Orientierung)
- Entscheiden/handeln (Fähigkeiten/Fertigkeiten)
In den letzten Jahren haben verschiedene Kantone ihre Lehrpläne um den Bereich politische Bildung ergänzt und dabei dargestellt, welchen Beitrag die Volksschule im Hinblick auf die politische Mündigkeit leisten kann. Seit Herbst 2004 arbeitet ein Team aus den Kantonen Bern, Zürich und Aargau an Grundlagen zur politischen Bildung (Arbeitstitel: «Politik verstehen – Demokratie leben und lernen»). Begleitet wird die Arbeit von der Lehrplan- und Lehrmittelkommission der Erziehungsdirektion des Kantons Bern und von der Arbeitsgruppe politische Bildung der interkantonalen Lehrmittelzentrale ilz.
Der Grundlagenband soll
- Studierende und Lehrpersonen anregen, sich mit dem eigenen Politik- und Demokratieverständnis auseinander zu setzen:
- Wie habe ich persönlich politische Bildung in der Schule erlebt?
- Wie viel Demokratie ist in der Schule möglich? Wie viel Demokratie halte ich in der Schule aus?
- Wo sind der Schule durch äussere Rahmenbedingungen Grenzen gesetzt?
- Wo stellt sich die Machtfrage?
- aufzeigen, was unter politischer Bildung verstanden wird, welche Kenntnisse und Kompetenzen Jugendliche in der Volksschule (Primarstufe, Sekundarstufe I) aufbauen sollen und können;
- eine Vorstellung vermitteln, wie politische Bildung in der Schule angelegt, organisiert und beurteilt werden kann;
- Einblick geben in konkrete Unterrichtssituationen auf den verschiedenen Ebenen, in denen politisches Sachwissen und spezifische Fähigkeiten/Fertigkeiten erarbeitet, geübt und reflektiert werden;
- Studierende und Lehrpersonen unterstützen bei der Klärung der Rolle der Schule («Schule als Ort des Lernens und Handelns») und der Rolle der einzelnen Lehrperson im Bereich der politischen Bildung. Dadurch wird Sicherheit vermittelt;
- Planungshilfen für verschiedene Situationen im Unterricht und im Schulleben geben (situatives Lernen, Klassenleben, strukturierte Unterrichtseinheiten);
- durch ein kommentiertes Materialverzeichnis eine Orientierungshilfe bieten.
Nach der Vorlage des Grundlagenbandes Lernwelten sollen Studierende und Lehrpersonen für ihre Weiterbildung ihren eigenen Zugang finden.
Politische Bildung: Definition und Modell
In einer ersten Phase ging es im Autorenteam darum, ein gemeinsames Verständnis von Politik und von Demokratie zu erarbeiten.
Das Autorenteam versteht Politik als
- kollektiven (partizipativen) und
- diskursiven (konflikthaften)
Prozess zur Herstellung verbindlicher Entscheidungen in Fragen des öffentlichen Zusammenlebens.
In der Demokratie werden die partizipativen und diskursiven Elemente in allen Prozessschritten (inkl. Entscheidung) auf der Basis der Menschenrechte und der Verfassung garantiert.
Dabei führt jede Entscheidung zu neuen Fragen bzw. Auseinandersetzungen (vgl. Abb.).
Das Modell des spiralförmigen Politikprozesses dient als Hintergrund für die Analyse und Diskussion aktueller Themen. Dies kann mit Kindern und Jugendlichen anhand konkreter und altersgerechter Fragen erarbeitet werden. Solche stellen sich auch im Schulleben häufig (vgl. Abb.).
Die Balance zu finden, ist nicht einfach
Demokratie zu leben und zu lernen ist anspruchsvoll. Einerseits erwarten wir möglichst breite Mitbestimmungsmöglichkeiten, andererseits sollen die Prozesse zu effizienten, wirksamen und raschen Lösungen führen. Die Balance zu finden ist nicht einfach, die Erwartungen häufig sehr heterogen (wer in einem Schulteam ein Leitbild für die Schule erarbeitet hat, kennt diese Problematik). Politische Bildung – die bewusste und gezielte Förderung von Kompetenzen – kann mithelfen, ein angepasstes System von Mitbestimmung und Verantwortungsübernahme für die Klasse und innerhalb der Schule zu finden. Wenn dies auf eine transparente Art und Weise geschieht, leistet die Schule einen wichtigen Beitrag zu einer umfassenden politischen Bildung.
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