Für oder mit?

Für oder mit?

Partizipation und Selbstverantwortung der Kinder und Jugendlichen in der Schule

Wenn ich mir überlege, wie sich Partizipation und Selbstverantwortung der Kinder und Jugendlichen in der Schule zeigen, fallen mir zwei typische Situationen ein:

  • Lehrpersonen, Hauswartsleute, Schülerinnen und Schüler gestalten das Klassen- und Schulhausleben gemeinsam. In der Klassen- und Schulhausversammlung, in Schülerräten und Schülerinnenräten und Ideenbüros entwickeln sie Projekte zur Gestaltung des Schulhauslebens und lösen Probleme, die aus dem gemeinsamen Lernen, Arbeiten und Zusammensein in der Schule entstehen.
  • Die Lehrpersonen planen, gestalten und evaluieren Lernprozesse und -ergebnisse mit ihren Klassen und mit der einzelnen Schülerin, dem einzelnen Schüler. In Klassen-, Gruppen- und Einzelgesprächen machen die Lehrenden Vorgaben transparent, zeigen Freiräume auf, übergeben den Lernenden Verantwortung und unterstützen sie bei der Gestaltung ihres Lernens.

In beiden Situationen machen die Lehrpersonen nicht für die Kinder und Jugendlichen, sondern mit ihnen Unterricht und Schule.1 Für oder mit? Diese Frage ist keine Wortklauberei. Hinter dem Für oder Mit stehen unterschiedliche Lernverständnisse und Haltungen. Es gibt gute Gründe, die Schule mit den Schülerinnen und Schülern statt für sie zu machen, also auf Partizipation und Selbstverantwortung zu setzen.

Partizipation und Selbstverantwortung unterstützen wirkungsvolles Lehren und Lernen

Lernerfolg hängt vom günstigen Zusammenspiel vieler schulischer und ausserschulischer Faktoren ab. Die Einflussmöglichkeiten der Lehrpersonen sind unterschiedlich. Grossen Einfluss haben sie auf die Art und Weise, wie in der Schule gelehrt, gelernt und erzogen wird. Ob sie dies partizipativ tun oder nicht, ist für den Lernerfolg nicht unerheblich.

Lernende konstruieren ihre Vorstellungen von den Menschen und der Welt selber. Sie tun dies aktiv, selbstorganisiert und situationsbezogen in der Auseinandersetzung mit andern. Die Lehrpersonen können und müssen dieses Lernen differenziert und mit vielfältigen Massnahmen unterstützen. Dieses konstruktivistisch orientierte Lehr-, Lernverständnis ist in profi-L 1/04 und 1/05 dargestellt worden, es wird darum an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt.2

Dieses Lernverständnis bedingt, dass die Lehrpersonen mit den Schülerinnen und Schülern partizipativ zusammenarbeiten und ihre Selbstverantwortung stärken. Konkret zeigt sich das im Unterrichtsalltag zum Beispiel im Umgang mit Lernschwierigkeiten und -problemen. Die Lehrpersonen schlüpfen nicht in die Rolle von Expertinnen und Experten, die das Problem diagnostizieren und dann eine Lösung präsentieren. Als Beraterinnen und Berater helfen sie den Schülerinnen und Schülern, ihre Denkprozesse und Handlungen wahrzunehmen, neu zu interpretieren und Lösungen zu entwickeln, die den persönlichen Möglichkeiten und der Situation entsprechen.

Lernende und Lehrende können Lernschwierigkeiten, seien diese aus fachlichen Fehlkonstruktionen, aus Angst vor Misserfolg oder aus fehlender Motivation entstanden, nur partizipativ lösen. Dabei sind die Schülerinnen und Schüler für die Lösung ihrer Lernprobleme und die Lehrpersonen für die professionelle Unterstützung verantwortlich.

Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen kommen, geprägt durch ihre soziokulturelle Herkunft, mit unterschiedlichen Werten und Moralvorstellungen in die Schule. Hier sehen sie sich vor die Frage gestellt, woran sie sich bei der Gestaltung ihres Lernens und Zusammenseins orientieren und wie sie das Klassen- und Schulhausleben konkret gestalten wollen. Es geht damit auch um die Frage, wie die Lehrpersonen die moralische Entwicklung der Schülerinnen und Schüler unterstützen können. Oser3 beschreibt und kommentiert acht verschiedene Modelle der Wert- und Moralerziehung. Die einen versuchen, zum Beispiel Werte durch direkte Belehrung und Anordnung von Regeln zu vermitteln. Andere gehen davon aus, dass Schülerinnen und Schüler in ihrer moralischen Entwicklung unterstützt werden, wenn sie in einem einheitlichen Wertklima aufwachsen und dadurch «automatisch» geprägt werden. Solche Modelle passen nicht zu einem konstruktivistisch orientierten Lernverständnis.

Anders verhält es sich beim Modell «realistischer Diskurs»: Schülerinnen und Schüler entwickeln in Auseinandersetzung mit sich und mit andern an alltäglichen Fragestellungen ihre moralische Urteilsfähigkeit und handeln nach dem als moralisch richtig Erkannten. Der realistische Diskurs ist das Basislernmodell der «Just Community-Schulen».4 Lehrpersonen schaffen im Unterrichtsalltag Platz für Gemeinschaftsversammlungen, um mit Schülerinnen und Schülern für konkrete Situationen Problemlösungen zu erarbeiten, die immer besser den moralischen Prinzipien Gerechtigkeit, Fürsorglichkeit und Wahrhaftigkeit entsprechen.

Wirkungsvolle moralische Erziehung im Sinn einer gezielten Unterstützung der moralischen Urteils- und Handlungskompetenz ist ohne Partizipation und Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler nicht möglich.

Damit Schülerinnen und Schüler erfolgreich lernen, müssen sie in der Lage sein, ihr Lernen und Arbeiten wirkungsvoll zu steuern. Lehrpersonen, die für Kinder Schule machen, nehmen ihnen die Lernsteuerung ab. Lehrerinnen und Lehrer, die mit Kindern Schule machen, setzen ihre Fremdsteuerung zur Förderung des eigenständigen oder selbstgesteuerten Lernens und Arbeitens der Schülerinnen und Schüler ein. Sie wissen, dass die Kinder und Jugendlichen das Bedürfnis haben, sich autonom, kompetent und sozial eingebunden zu erfahren.5 Darum schaffen sie autonomieunterstützende Lernumgebungen, bauen auf den Stärken der Lernenden auf und pflegen mit ihnen eine wohlwollende und tragfähige Beziehung. Sie unterstützen die Schülerinnen und Schüler so, dass sie ihr Lernen immer mehr zur eigenen, selbstverantworteten Arbeit machen. Sie bieten ihnen Gelegenheit zum eigenständigen Lernen, reflektieren mit ihnen das Lern- und Arbeitsverhalten, fördern sie in ihren Stärken und arbeiten mit ihnen gezielt und situativ an fehlenden oder noch schwach ausgebildeten Fähigkeiten.

Erfolgreiches Lernen entsteht aus dem wirkungsvollen Zusammenspiel der Selbststeuerung der Schülerinnen und Schüler und der Fremdsteuerung der Lehrpersonen. Partizipation und Selbstverantwortung sind dafür unentbehrlich.

Die Schule hat den Auftrag, die Partizipations- und Selbstverantwortungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern

Zahlreiche Bildungsgesetze und Leitbilder bezeichnen Autonomie, Mündigkeit und Selbstständigkeit mit diesen oder ähnlichen Begriffen als Bildungs- und Erziehungsziele. Um schwimmen zu lernen, brauchen Schülerinnen und Schüler Wasser. Um Partizipation und Selbstverantwortung nachhaltig zu lernen, brauchen Kinder und Jugendliche einen Unterrichts- und Schulalltag, den sie partizipativ mitgestalten können und der ihnen Selbstverantwortung abverlangt.

Wie Lehrpersonen Partizipation und Selbstverantwortung im Unterrichtsalltag gestalten, zeigt wie ernst sie den Bildungsauftrag nehmen.

Für die Bedeutung von Partizipation und Selbstverantwortung könnten weitere Gründe angeführt werden, zum Beispiel die positiven Auswirkungen von Partizipa tion und Selbstverantwortung auf das Schulklima.

Partizipation ist anstrengend und risikoreich

Lehrpersonen stehen zu den Schülerinnen und Schülern grundsätzlich in einer pädagogischen Beziehung. Sie gestalten diese Beziehung professionell, wenn sie die Kinder und Jugendlichen wertschätzen und zu den Rollenunterschieden stehen. Zur pädagogischen Rolle der Lehrperson gehört es zum Beispiel, an die Leistungen der Schülerinnen und Schüler Ansprüche zu stellen und situationsadäquates Verhalten einzufordern, sie bei der Erfüllung dieser Ansprüche zu unterstützen und die Möglichkeit, anders zu handeln, nicht auszuschliessen.6 Lehrpersonen, die Partizipation und Selbstverantwortung der Schülerinnen und Schüler auf dem Hintergrund dieser pädagogischen Beziehung sehen, verfallen weder in pseudopartizipatives noch in disziplinierendes Verhalten. (Wobei nicht abzustreiten ist, dass es Situationen gibt, in denen es ohne Disziplinierung nicht geht).

Wenn sich Lehrpersonen wirklich auf Kinder und Jugendliche einlassen, entstehen Spannungen. Unterschiedliche Bedürfnisse, Werte und Interpretationen von Situationen prallen aufeinander. Wer partizipativ erzieht, nutzt die Unterschiedlichkeit und setzt sich mit den Kindern und Jugendlichen von Subjekt zu Subjekt hartnäckig auseinander. Die Möglichkeit, mit der Erziehungsarbeit zu scheitern, gehört unabdingbar dazu.7

Partizipative Erziehung lebt von der Dynamik, die aus den mitgeteilten Erwartungen der Lehrpersonen bei gleichzeitiger Achtung der Schülerinnen und Schüler als Subjekte mit Handlungsfreiheit entsteht.

Partizipation stellt an alle hohe Anforderungen

Partizipation fordert sowohl die Schülerinnen und Schüler wie auch die Lehrpersonen. Schülerinnen und Schüler brauchen bestimmte Kompetenzen, um partizipativ und selbstverantwortlich zu lernen und zusammenzuarbeiten. Diese Kompetenzen können sie aber nur erwerben, wenn ihnen die Lehrpersonen dazu Gelegenheit geben und sie unterstützen. Ziel und Weg sind also nicht zu trennen. Lehrpersonen, die sich dieser Gegebenheit bewusst sind, lassen sich durch «Misserfolge» nicht dazu verleiten, die Partizipationsbemühungen einzustellen. Sie überlegen sich vielmehr, wie sie die Schülerinnen und Schüler wirkungsvoller unterstützen können.

Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler für partizipatives, selbstverantwortliches Lernen

An sich und seine Möglichkeiten glauben

Zum Beispiel: sich wertschätzen. Die Zuversicht haben, dass Erfolg möglich und selber beeinflussbar ist. Die eigenen Stärken kennen und diese einsetzen. Unsicherheiten ertragen. Verantwortung übernehmen.

Sich auf andere einlassen

Zum Beispiel: andere wertschätzen. Neugierig und an andern interessiert sein. Sich ausdrücken und zuhören. Herausfordern und helfen. Zusammenarbeiten. Differenzen und Gemeinsamkeiten sehen und aushalten. Rückmeldungen geben und entgegennehmen.

Strategien kennen und anwenden

Zum Beispiel: Probleme lösen. Hilfe holen. Ziele setzen. Planen. Lösungswege entwickeln. Informationsquellen nutzen. Führung übernehmen. Sich führen lassen. Verhandeln. Regeln vereinbaren und sich daran halten. Mit Kritik umgehen.

Sich beim Lernen und Arbeiten beobachten

Zum Beispiel: Handlungen steuern, beobachten und kontrollieren. Arbeits- und Lernverhalten reflektieren. Stärken und Schwächen einschätzen.

Sich selber auf Trab halten

Zum Beispiel: eigene Interessen entwickeln. Aus eigenem Antrieb handeln. Verführungsangebote ausblenden. Mit Enttäuschungen zurechtkommen.

Die für die Schülerinnen und Schüler aufgelisteten Kompetenzen werden bei den Lehrerinnen und Lehrern vorausgesetzt. Ergänzend sei hier auf vier grundlegende Kompetenzen hingewiesen.8

Kompetenzen der Lehrpersonen

Sich auf Schülerinnen und Schüler einlassen

Zum Beispiel: an den Schülerinnen und Schülern und ihren Ansichten interessiert sein. Kinder und Jugendliche wertschätzen. Partizipation und Selbstverantwortung zumuten. Beobachten. Kompetenzen gezielt aufbauen.

Sich selber einbringen

Zum Beispiel: Sparringpartner, -partnerin für die Auseinandersetzung mit Werten und Meinungen sein. Eigene Bedürfnisse für die Zusammenarbeit anmelden und vertreten.

In der Rolle bleiben

Zum Beispiel: Sich über die pädagogischen Absichten klar sein. Entscheiden und transparent machen, wo Partizipation möglich und wo sie nicht möglich ist. Unterstützen. Evaluieren.

In Bezug auf Partizipation sachkompetent sein

Zum Beispiel: Formen der Schülerinnen- und Schülerpartizipation, des selbstverantwortlichen Lernens und Prinzipien der moralischen Erziehung kennen. Über Kompetenzen für die partizipative Lernberatung verfügen.

Kennen Sie die Geschichte vom Tempelbau? Verschiedene Arbeiter werden auf der Baustelle gefragt, was sie da machen würden. «Ich haue Steine», antwortet der erste. «Ich verdiene Geld», sagt der zweite. «Wir bauen einen Tempel», meint der dritte. Was würden die Lehrpersonen, Kinder und Jugendlichen Ihrer Schule antworten?

Edwin Achermann

Fussnoten

  1. Achermann, Edwin (19954). Mit Kindern Schule machen. Zürich: Verlag Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
  2. vgl. profi-L 1, Oktober 2004, und profi-L 2, Februar 2005
  3. vgl. Oser, Fritz (2001). Acht Strategien der Wert- und Moralerziehung. In: W. Edelstein, F. Oser & P. Schuster (Hrsg.): Moralische Erziehung in der Schule. Weinheim und Basel: Beltz, S. 63 – 87
  4. vgl. Oser, Fritz & Althof, Wolfgang (2001). Die gerechte Schulgemeinschaft: Lernen durch Gestaltung des Schullebens. In: W. Edelstein, F. Oser & P. Schuster (Hrsg.): Moralische Erziehung in der Schule. Weinheim und Basel: Beltz, S. 233 – 265
  5. vgl. Deci, Edward L. & Ryan, Richard M. (1993). Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation und ihre Bedeutung für die Pädagogik. Zeitschrift für Pädagogik, 39, S. 223 – 238
  6. vgl. Oser, Fritz (2002). Auffordern: Pädagogischer Standard und Zielscheibe der Psychologisierung. In: R. Reichenbach & F. Oser (Hrsg.): Die Psychologisierung der Pädagogik. Übel, Notwendigkeit oder Fehldiagnose. Weinheim: Juventa, S. 126 – 155
  7. vgl. Reichenbach, Roland (2004). Ich und du im Hier und Jetzt – oder: Die Psychologisierung der Pädagogik. Zürich: DRS 2, Kontext, 3. Juni 2004
  8. vgl. Beck, Erwin, et al. (Hrsg.), (1995). Eigenständig lernen. St. Gallen: UVK, Fachverlag für Wissenschaft und Studium, S. 26f.
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