Vielfältiger Umgang mit Bildern
Vielfältiger Umgang mit Bildern
Bilder sprechen uns oft zuerst auf der emotionalen Ebene an. Ausserdem «lesen» wir Bilder unterschiedlich, je nach unserem kulturellen, sozialen und intellektuellen Hintergrund. Und vor allem je nach den persönlichen Erfahrungen, die wir mit einem Bild in Zusammenhang bringen. Diese Tatsache wurde in der Erprobungsphase der soeben erschienenen Fotomappe «Was Menschen bewegt» (schulverlag blmv, 2005) einmal mehr bestätigt. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen der Sekundarstufe I haben erfahren, wie vielfältig ihre Assoziationen zu einzelnen Bildern waren und wie unterschiedlich sie die Fotos interpretierten.
Die Fotomappe
Ursachen und Folgen von Migration sind Inhalte, die in vielen Deutschschweizer Lehrplänen Eingang gefunden haben. Die 50 Schwarz-Weiss-Fotos zur Migration in der Mappe «Was Menschen bewegt» zeigen Männer, Frauen und Kinder in verschiedenen Situationen und Stationen des Unterwegs-Seins. Im Zentrum stehen Flucht und Arbeitsmigration. Weitere Fotos thematisieren die freiwillige Wanderung. Ausserdem enthält die Mappe Symbolbilder, die das Wesen der Migration aufzeigen:
- sich für einen bestimmten Weg entscheiden (müssen)
- Hoffnungen und Ängste mittragen
- neu beginnen
Bewegte und unbewegte Bilder sind wichtige Medien unserer Zeit. Sie prägen unseren Alltag und werden zum Teil sehr gezielt im Hinblick auf eine bestimmte Wirkung eingesetzt. Sie können also auch manipulieren. Diese Zusammenhänge zu begreifen, bildet die Grundlage für einen kritischen Umgang mit Medien. An diesem Verständnis – und damit an einem Ziel, das auch in vielen Lehrplänen formuliert ist – kann mit der Fotomappe ebenfalls intensiv gearbeitet werden.
Wie lassen sich Bilder «entschlüsseln»?
Neben den 50 Fotos im A4-Format enthält die Mappe eine Broschüre mit Ideen und Anregungen zur Arbeit mit den Bildern. Im Vordergrund steht die «Entschlüsselung» der Fotos. Vorgeschlagen wird in diesem Zusammenhang ein Dreischritt:
- Foto betrachten und wahrnehmen: Was sehe ich? Was empfinde ich? Welche Vermutungen kann ich zu den Vorgängen/Situationen auf dem Bild anstellen?
- Wirkung des Fotos analysieren: Welche Art der Wahrnehmung stand bei der ersten Betrachtung des Bildes im Vordergrund: die emotionale oder die analytische? Auf welche Informationen und persönlichen Erfahrungen habe ich beim Betrachten des Bildes zurückgegriffen?
- Foto interpretieren: Wie deute ich das Bild? Welche Hintergrundinformation brauche ich, um das Bild besser entschlüsseln zu können? Wie deute ich das Bild, nachdem ich Hintergrundinformationen bekommen habe? Resultate der Erprobung
Bilder lesen: Informationen, auch Bilder, können nur richtig «gelesen» werden, wenn wir deren Inhalt «verorten» können, wenn wir über das nötige Kontextwissen verfügen.Die Fotos sowie die Anregungen zur Arbeit mit den Bildern wurden mit verschiedenen Klassen in den Kantonen Bern und Aargau erprobt. Dabei zeigte sich unter anderem, dass Schülerinnen und Schüler derselben Klasse, die sich zur gleichen Zeit mit dem gleichen Bild auseinander gesetzt hatten, nicht zu den gleichen Resultaten oder Schlüssen kamen. Das illustrieren die folgenden Aussagen von Jugendlichen einer Oberstufe aus dem Berner Seeland zu dem Bild, das in der Aufnahme oben zu sehen ist:
Das Bild Nr. 12 erinnert mich an die Flutkatastrophe in Südasien, weil auf dem Bild ein Friedhof ist und es in Asien sehr viele Tote gab! Der Friedhof ist auch nicht schön gemacht. Was auch zu Asien passt.
Bild Nr. 12 erinnert mich an Menschen, die jemanden verloren haben, der ihnen wichtig war. Ich habe vor kurzer Zeit auch jemanden verloren, der mir sehr wichtig war und den ich sehr mochte. Wenn man jemanden sehr Wichtigen in seinem Leben verliert, kommt man oft nicht klar damit.
Das Bild Nr. 12 ist mir besonders fremd, weil wir den Tod so nicht kennen. Bei uns sind die Gräber schön geschmückt. Dort sieht alles so nach Tod und Zerstörung aus.
Die Legende zum Bild rechts oben lautete: «Sarajewo, Bosnien-Herzegowina: Serbische Soldaten werden ohne Zeremonie auf dem Friedhof «Löwe» in Sarajewo beerdigt.»
Die Erfahrung, dass andere beim gleichen Bild zu anderen Schlüssen kommen als man selber, wurde als etwas Interessantes erfahren. Auf die Frage, welche Aufgabenstellung sie am meisten angesprochen habe, antwortete eine Schülerin: «Die, bei der man eine Biografie schreiben musste. Es ist sehr interessant, nachher zu hören, was die anderen geschrieben haben.»
Wir sehen, was wir wissen. Diese Erfahrung haben die Schülerinnen und Schüler bei der Erprobung der Fotomappe gemacht und dabei Heterogenität in der Auseinandersetzung mit einem Sachthema erlebt. Wie mit solchen und anderen Erfahrungen produktiv umgegangen werden kann, erfahren Lehrpersonen ausführlich in der Begleitbroschüre zu den Fotos in der Mappe «Was Menschen bewegt».
Text: Christian Graf, Susanne Gattiker
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