Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Im Lernfortschritt bestärkt – aus eigenen Fehlern gelernt

Aus der Spracherwerbsforschung ist bekannt, dass sprachliches Lernen ein eigenaktiver und komplexer Vorgang ist, der nicht linear, sondern sprunghaft und individuell abläuft. Da in einem lehrmittelgebundenen Unterricht aber oft alle zur gleichen Zeit die gleichen Lernziele erfüllen sollen, kann nur bedingt auf die individuellen Kompetenzen aufgebaut werden.

«Warum können viele meiner Schülerinnen und Schüler Bildung und Formen des passé composé immer noch nicht, obwohl diese gut eingeführt und oft geübt wurden und ich die Lernerfolge erst noch kontrolliert habe?»

«Warum sind viele in der Klasse, vor allem im mündlichen Unterricht, sprachlich inaktiv und trauen sich kaum, etwas zu sagen? Sie haben doch schon recht viele Ausdrücke und sicher auch einige Strukturen gelernt?»

«Warum finden viele Schülerinnen und Schüler das Lernen der französischen Sprache weder nützlich noch interessant?»

Aussagen, die man vielleicht schon gehört oder sogar selbst gemacht hat?

Im Französischunterricht sind wir eingebunden in einen Lehrplan, der weitgehend mit einem Lehrgang identisch ist. Ein Lehrgang sichert den konsequenten und strukturierten Aufbau von Sachwissen, stellt ergänzende und weiterführende Übungen zur Verfügung und gibt passende sprachliche Situationen vor. Ausserdem erleichtert er Planung und Übergänge. Aber wie können die individuellen Kompetenzen gefördert werden? Im folgenden Artikel wird anhand von zwei Beispielen gezeigt, wie Sprache im Unterricht in Ergänzung zum Lehrgang und orientiert an den Möglichkeiten der Lernenden geübt werden kann.

These 1: Die Lernenden sollen regelmässig in ihrem Können und Lernfortschritt bestärkt und gefördert werden

Didaktische Konsequenz

In einem Fremdsprachunterricht, der sich an einem Lehrmittel mit für alle verbindlichen Lernzielen orientiert, werden oft alle Schülerinnen und Schüler zum gleichen Zeitpunkt miteinander verglichen. In dieser Situation erfahren die Lernenden zwar, wie gut oder schlecht sie im Vergleich mit den andern sind, erhalten aber wenige oder keine Rückmeldungen dazu, was sie können und zunehmend besser können.

Wenn nicht nur die Sprachrichtigkeit, sondern die Sprachhandlung als solche der Ausgangspunkt für eine Rückmeldung ist, können in immer wiederkehrenden Übungseinheiten Schülerinnen und Schüler individuell gefördert (und gefordert) werden:

  • Regelmässig freie Texte schreiben, an denen die Lehrperson keine Korrekturen vornimmt, sondern nur auf deren Inhalt reagiert (als Lesende, nicht als Beurteilende).
  • Regelmässig Texte lesen. Die Lehrperson unterstützt das Textverständnis.
  • Regelmässig Texte vorlesen. Die Lehrperson «korrigiert» nur unterstützend und gezielt.
  • Regelmässige «kleine Produktionen» präsentieren, in denen zum Beispiel Gegenstände beschrieben, Witze erzählt, Sportarten oder Bücher vorgestellt werden.

Unterrichtsbeispiel

Die Schülerinnen und Schüler führen ein «cahier de texte», in das sie wöchentlich einen Text schreiben müssen. Sie können entweder frei schreiben oder zu einem vorgegebenen Thema. Die Lehrperson setzt im Text selber keine Korrekturzeichen und gibt je nach Inhalt und eigenem Zeitbudget eine Rückmeldung. Die Rückmeldung bezieht sich nicht unbedingt auf die sprachliche Korrektheit, sondern auf den Inhalt. Die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass sie Texte schreiben können, die gelesen und verstanden werden, und zudem, dass sie sich zunehmend sicherer und selbstbewusster schriftlich ausdrücken können.

These 2: Schülerinnen und Schüler sollen in erster Linie aus ihren eigenen Fehlern lernen.

Didaktische Konsequenz

Da man beim Lernen davon ausgehen muss, dass «… Fehler als Signale für den sprachlichen Entwicklungsstand gedeutet werden …» (Good, 1996), ist es sinnvoll, Fehler individuell und systematisch zu bearbeiten. Deshalb ist es auf der einen Seite wichtig, dass Schülerinnen und Schüler möglichst viele Sprachhandlungen aktiv vollziehen. Um Fehler zu bearbeiten, muss man sie zuerst machen können. Auf der anderen Seite müssen die Lernenden aber auch Gefässe und Instrumente zur Verfügung haben, um die persönlichen Fehler zu verbessern:

  • individuelle Lernkartei (mit den verbesserten Ausdrücken)
  • individuelles Lernheft (dito)
  • regelmässig stattfindende Partnerdiktate (dito)
  • Lernplakate (dito)

Unterrichtsbeispiel

Die Schülerinnen und Schüler führen je nach Vorliebe oder Fähigkeit ein Wörterheftchen oder eine Wörterkartei. Das Heftchen lässt sich durch die Lehrperson korrigieren und kontrollieren, die Fehlerkartei erfordert von den Lernenden mehr Autonomie. Die Wörtersammlung setzt sich aus den individuellen Fehlern der jeweiligen Schülerinnen und Schüler zusammen, und wird meist von der Lehrperson vorgegeben (aus Schülertexten, Übungen, Lernkontrollen). Dazu kommen ab und zu Wörterportionen (z. B. Alltagswörter) oder Wörter, die die Schülerinnen und Schüler selbst lernen wollen (z. B. aus neuen Texten). Die Lernenden halten sich in ihrem Eintrag an ein Schema, machen also ihre Einträge immer gleich und vor allem auch regelmässig. Die Wörter können in Portionen immer wieder geübt und kontrolliert werden (z. B. Partnerdiktate, Selbstkontrollen, kurze Lernkontrollen durch die Lehrperson).

Jürg Michel, Lehrer Sek I, Münchenbuchsee, Dozent PHBern (Institut für Weiterbildung)

AnhangGröße
Download des Artikels als PDF154.3 KB
Harry Potter et la Coupe (3)20 KB
Harry Potter et la Coupe (4)20 KB
Übungsformen79 KB
Themengebiete / Rubrik:
schulverlag blmv AG