Üben ist, wenn man …
Gesicherte wissenschaftliche und allgemeingültige Aussagen zum Üben über die verschiedenen Fächer hinweg sind mehr als rar. Sicheren Boden betritt man erst, wenn man sich in ein Fachgebiet begibt. Erst dann wird greifbar, was Üben im Sportunterricht, im Gestalten, in der Mathematik, im Sprachenunterricht, in der Musik etc. bedeutet. Deshalb haben wir Lehrpersonen und Fachleute aus der Ausbildung von Lehrpersonen um eine persönliche Definition von Üben gebeten. Haben Sie sich schon gefragt, welches Ihr eigenes Übungskonzept ist? Wenn Sie mehrere Fächer unterrichten, werden Sie womöglich auf verschiedene Konzepte stossen. Davon handelt dieses Heft.
Andreas Müller, Institut Beatenberg
Üben – das scheint wichtig zu sein. Jedenfalls liefert die Internet-Suchmaschine weit über zwei Millionen Ergebnisse: Vom Englisch über das Erziehen bis zum Krieg im Irak – alles lässt sich offensichtlich üben. Gemeint ist mit «Üben»: etwas immer wieder tun. Und das Ziel: es besser zu können – sei es Englisch, Erziehen oder eben Krieg-Führen im Irak. Aber nicht nur deswegen verbinden sich mit dem Wort «Üben» in der Regel nicht gerade ermutigende Gefühle. Der gedankliche Schritt zum – schulischen – Lernen ist klein. Denn schulisches Lernen steht meist in assoziativer Verbindung zu «auswendig ». Da hält man sich besser an Erich Kästner. Er bringt es auf den Punkt: «Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.»
Hans Müller, Didaktiker, Biel
Auf dem Tisch liegt eine Schweizerkarte. Der Onkel fragt Petra: «Du kannst mir sicher zeigen, wo Basel liegt.» – «Nein, aber wenn du mir zeigst, wo es liegt, kann ich dir sagen, warum es dort liegt.» Und die Moral von der Geschicht: Petra hat gelernt, Zusammenhänge zu erkennen – eine grundlegende Fähigkeit! Weniger beschlagen ist sie in Bezug auf einfaches Wissen. Anzustreben ist die Verbindung von beidem: Durch das Üben von «vernetztem Denken» im NMM-Unterricht werden isolierte Wissenselemente eingebunden in grössere Zusammenhänge und so besser behalten. Ziel ist: gefestigtes Wissen und tieferes Verstehen. Beides erfordert kontinuierliches Üben.
Brigitte Blumer, Leiterin Montessori Kinderhaus, Lorraine, Bern
Alle, die mit Kleinkindern in Berührung kommen, wissen: Kinder lassen sich nur mit Gewalt daran hindern greifen, sprechen, laufen zu lernen. Bis zur Erschöpfung üben sie sich in diesen Fähigkeiten. Später stellt man diesen Lernwillen plötzlich in Frage, überlegt sich: Wie bringen wir Kinder dazu, sich in Lesen, Mathe … zu üben? Warum vertrauen wir nicht weiterhin auf die Neugierde, die Freude am Lernen unserer Kinder? In der vorbereiteten Umgebung einer Montessori-Einrichtung findet das Kind jederzeit das Material, das es zu seiner Entwicklung braucht. Was das Lernen dabei vergnüglich macht: Es kann sich Partner und Dauer der Arbeit selbst wählen. Das Montessori-Material ist so spannend, dass neue Erkenntnisse auf verschiedenste Arten erlebt werden können. Dazu gehört die im Material eingebaute Fehlerkontrolle. Das Kind greift einen Fehler auf, beseitigt ihn, ist dann zufrieden, dass alles stimmt, und übt, übt … – weil dies zur Arbeit des Kindes als Baumeister seiner selbst gehört.
Rosa Grädel, Theologin, Religionspädagogin, Universität Bern
Eine Besonderheit im Bereich des ethisch-sozialen Lernens liegt darin, dass es immer wieder neue Situationen zu bearbeiten und zu bewältigen gilt. Schülerinnen und Schüler müssen sich also darin üben, aus dem Repertoire ihrer Handlungsmöglichkeiten jene auszuwählen, die aufgrund ihres ethisch-sozialen Wissens in einer bestimmten Situation verantwortbar sind. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit zu reflektieren und die Bereitschaft, sich in die Situation anderer hineinzuversetzen. Die kontinuierliche Arbeit mit Dilemmageschichten ist deshalb eine geeignete Übungsmethode im ethisch-sozialen Bereich: Schülerinnen und Schüler müssen sich in schwierige Situationen hineindenken und sind herausgefordert, die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten sorgfältig und differenziert gegeneinander abzuwägen.
Marianne Grossniklaus, Hauswirtschaftslehrerin, Heimberg, und Erwachsenenbildnerin
Unter Üben verstehe ich das Wiederholen von bestimmten Tätigkeiten, um das Resultat dieser Tätigkeit zu verbessern, aber auch den Ablauf dieser Tätigkeit zu optimieren. Im hauswirtschaftlichen Unterricht ist Üben in den verschiedensten Bereichen zentral, sei es bei der theoretischen oder bei der praktischen Arbeit (z. B. Zwiebeln schneiden, Hefeteig herstellen, Handrührgerät einsetzen). Bei der Planung von Mahlzeiten brauchen die Schülerinnen und Schüler einen detaillierten Kriterienraster, damit sie üben können, eine gesunde, schmackhafte, preisgerechte, umweltvertretbare, den Kenntnissen angepasste Verpflegung zusammenzustellen. Beim Essen der Mahlzeit kann der Übungsfortschritt sofort überprüft werden.
Elisabeth Kämpfer, Logopädin, Schulen Muri-Gümligen
«Smile of mastery», dieser Begriff stammt aus der Entwicklungspsychologie und bezeichnet das Strahlen von Kindergesichtern, wenn ein Ziel nach häufigem Üben erreicht worden ist. «Smile of mastery» drückt die tiefe innere Zufriedenheit aus, wenn Kinder etwas geschafft haben, kompetent werden und mit zunehmender Leichtigkeit mit dem neu Erlernten umgehen. Kinder, die den Spezialunterricht besuchen, sind häufig mit der Situation konfrontiert, etwas geübt zu haben und doch nicht ans Ziel gekommen zu sein. Anstelle tiefer innerer Zufriedenheit stellen sich Frust und Verunsicherung ein. Die Lust am Üben wieder zu wecken, ist eine Hauptaufgabe des Spezialunterrichts. Dieses Üben muss mit Erfolgsaussichten gekoppelt sein und muss Kompetenzerlebnisse vermitteln.
Barbara Künzli, Unterstufenlehrerin, Turnlehrerin, Jegenstorf
Vielseitige Bewegungsaufgaben ersparen langweiliges Üben. Die Sporthalle ist erfüllt vom freudigen Treiben. 24 Erstklässlerinnen und Erstklässler prellen, führen und jonglieren voller Eifer verschiedene Bälle. Inmitten der zwölf Posten steht die Lehrperson und nimmt sich Zeit, um die Lernfortschritte zu beobachten. Sind die Kinder am Üben oder Lernen? Lernen ist nicht vom Üben zu trennen, wenn Bewegungsaufgaben vielseitig angelegt sind. Die Lehrperson überlegt: Ist es nötig, das Prellen zu automatisieren? Sinnstiftende und variantenreiche Anwendungen machen das automatisierende Üben überflüssig. Die Kinder prellen zum Beispiel mit verschiedenen Bällen oder verändern die Bewegungsweite beim Prellen etc. Solche Turnstunden fördern ein gutes Lernklima und ermöglichen Erfolge beim Üben von Fähigkeiten.
Francesca Waser, Fachdidaktikerin Fremdsprachen an der Universität Bern und Lehrwerksautorin
Üben: das absolute Kernstück des Fremdsprachenunterrichts - nicht nur zur Sprachautomatisierung, sondern auch als Verstehensprozess. Darum müssen Lehrpersonen Übungen kreieren, abwandeln und entwickeln lernen, weil sie situativ dem momentanen Sprachstand von Schülerinnen und Schülern entsprechen müssen – eine Aufgabe, die kein Lehrmittel erfüllen kann. Sobald Übungen Transferelemente beinhalten sollen, lassen sie sich leicht entwickeln, wenn man einige Prinzipien beachtet:
Übungen werden sinnvoll, wenn sie Aufträge enthalten.
Beispiel Bildbeschreibung:
Partner A: Beschreibe deinem/r Partner/in, was sich auf dem Bild wo befindet ohne die Vorlage zu zeigen.
Partner B: Zeichne genau das, was dir dein/e Partner/in erklärt. Was du nicht genau verstehst, musst du nachfragen.
Vergleicht das Ergebnis mit der Vorlage.
Übungen werden spannend, wenn sie Bedingungen enthalten:
Beispiel Menuplanung:
Deine Klasse (17 S) organisiert ein Skilager. Ihr seid 6 Tage in Les Collons. Erstellt zusammen den Menüplan für diese 6 Tage. 6 S sind Vegetarier; ihr habt pro Kopf 120. – Fr. zur Verfügung.
Übungen werden kommunikativ, wenn sie ein Informationsgefälle enthalten, d.h. Partner A kennt die Verhandlungsziele von Partner B nicht.
Beispiel:
Partner A: Du möchtest mit Deiner neuen Freundin ins Kino. Dir gefallen Fantasy-Filme. Es läuft gerade «Herr der Ringe».
Partnerin B: Du hast einen neuen Freund. Du bist eine grosse Pferdenärrin und verbringst deine Zeit am liebsten im Reitstall.
Walter Affolter, Reallehrer, Sigriswil
«Fehler sind der Nährboden für Übungen. Erst Fehler erfüllen Übungen mit Sinn.»
Dazu das Beispiel einer Achtklässlerin zum Thema «Zahlen verpacken» (mathbu.ch 8, LU 4):
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| Beispiel: «Wie das R ins Rollen kommt» | 22.5 KB |



