Und wer begleitet uns Lehrpersonen?
Zusammen mit Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern entwickeln Charly von Graffenried und Hans Müller Materialien, die beim Planen und Durchführen von grösseren selbstständigen Arbeiten eingesetzt werden können. In diesem Sinne sehen sie die entstehende Arbeitshilfe (s. Kasten) als eine mögliche Form der (Fern-)Begleitung von Lehrerinnen und Lehrern, die sich mit den Jugendlichen auf den Weg zu solchen Arbeiten begeben.
Redaktion profi-L: Das deklarierte Ziel eurer Arbeit ist, praxistaugliche Materialien zu entwickeln, die ihr als eine Form der Lehr- bzw. Lernbegleitung versteht. Könnt ihr diesen Gedanken ausführen?
Hans Müller: Im Verlauf der Arbeit und in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen wurde uns immer stärker bewusst, dass es zwar letztlich um die Unterstützung Jugendlicher geht, dass aber zuerst die Lehrenden für das Anliegen gewonnen und darin unterstützt werden müssen. Dabei tauchten in Gesprächen immer wieder die gleichen Fragen auf (s. grüne Zitate in den Randspalten). Diese sind teilweise organisatorisch-methodischer, teilweise aber auch sehr grundsätzlicher Art.
Grundsätzlich – in welcher Hinsicht?
Charly v. Graffenried: In einigen Fragen geht es im Kern um Grundhaltungen, wie sie im Editorial oder im Bericht zur Sigriswiler Schule (s. Beitrag S. 10) in dieser Ausgabe angesprochen werden, zum Beispiel: Was traue ich den Jugendlichen zu? Was will ich ihnen zumuten? Bin ich bereit zuzuhören und zuzulassen? Vertraue ich darauf, dass auch Schwächere und so genannt Unangepasste bereit sind, sich einzulassen, wenn sie an Themen arbeiten können, die für sie selbst wichtig, bedeutsam sind? Das können klassische, schulische Themen sein – «Das Leben der Inuit», «Gentechnologie: Pro und Contra » – , aber auch solche, die die Jugendlichen vorerst gar nicht in Erwägung ziehen, weil sie davon ausgehen, dass ihr Themenwunsch sowieso nicht «schultauglich» und – in der Regel – noch sehr vage ist: «Mich interessiert das Rappen», «… etwas zum Skateboard», «… eine eigene Überlebenserfahrung im Wald», «… ein Töffli frisieren». Bei den einen geht es um Personen und Beziehungen, die ihnen Zurzeit sehr wichtig sind. Andere suchen eine neue Erfahrung oder sie interessieren sich für ein Thema im Bereich Ausdruck und Gestaltung, sie wollen einen Event organisieren, ein Produkt konstruieren oder herstellen. Viele fürchten schlicht das viele Lesen und Schreiben.
Sprengt dieses Konzept nicht den Rahmen des in der Schule Üblichen?
Hans Müller: Verbreitet sind Arbeiten im Bereich «Recherchieren/ Dokumentieren», je nach Fächerkombination auch solche im Bereich «Gestalten/Konstruieren». Wir vertreten jedoch die Ansicht, dass es bei selbstständigen Arbeiten in erster Linie darum geht, vorhandene Interessen und Stärken zu entdecken und diese weiterzuentwickeln. Die Erfahrungen zeigen, dass die meisten Jugendlichen dann auch bereit sind, an bestimmten Schwächen und Lücken zu arbeiten. Wir schlagen deshalb drei weitere Handlungsschwerpunkte vor: «Forschen/ Entdecken», «Erfinden/Fantasieren» und «Konzipieren/Organisieren». Mit dieser Palette wird den Jugendlichen ermöglicht, nahe an ihre eigenen Interessen heranzukommen und ein Thema selbstständig, ja eigenständig zu erarbeiten.
Wie unterscheiden sich «selbstständig» und «eigenständig»?
Hans Müller: Die beiden Begriffe sind sich nahe. Selbstständigkeit geht in Richtung des sachgerechten Ausführens eines Auftrages. Eigenständigkeit schliesst dieses ein, enthält aber zusätzlich Freiraum für Eigeninitiative und Selbstverantwortung.
Sollen Lernende grenzenlose Freiheit geniessen?
Charly v. Graffenried: Sicher nicht. Freiräume werden dann optimal genutzt, wenn die festgelegten bzw. ausgehandelten Grenzen ebenso klar definiert sind, beispielsweise der verfügbare Zeitrahmen, die verbindlich festgelegten Termine, die Beurteilungskriterien, die möglichen Präsentationsformen. Dass es beim Nutzen – aber auch beim Zulassen – von Freiräumen grosse individuelle Unterschiede gibt, versteht sich von selbst.
Das sind hohe Anforderungen. Gibt es dazu (Begleit-)Hilfen in den entstehenden Materialien?
Hans Müller: Ja, die Materialien bestehen aus so genannten «Werkzeugen» und «Einblicken», und zwar aus solchen für Lehrpersonen und aus solchen für Schülerinnen und Schüler (s. Download). Das aus unserer Sicht wichtigste Werkzeug für die Lehrpersonen ist das Element «Leitfragen zum Festlegen der Rahmenbedingungen». Mit Hilfe dieses Instruments – das in elektronischer Form verfügbar ist – kann in systematischer Weise das eigene Konzept erarbeitet werden. Für die Schülerinnen und Schüler haben sich in verschiedenen Klassen die Werkzeuge «Arbeitsjournal» und die «Anleitung zum Erstellen einer Disposition» bewährt. Beide helfen beim Reflektieren der jeweils letzten und beim Planen der nächsten Schritte. Als nützliches und anregendes Werkzeug – sowohl für Lehrende wie Lernende – steht der Film mit fünf Kurzporträts von Jugendlichen und ihren Arbeiten zur Verfügung.
Wann können wir mit dem Erscheinen rechnen?
Charly v. Graffenried: Eine erste Version der Materialien sollte Ende August 2006 zur Verfügung stehen. Bereits ab Anfang Juni kann die Broschüre mit dem pädagogischen Konzept bestellt werden. Sie wird gratis abgegeben. Im Gegensatz zu Lehrmitteln, die nach dem Erscheinen nicht mehr leicht zu adaptieren sind, baut dieses Konzept bewusst auf Weiterentwicklung und Ergänzungen, vor allem natürlich in seinen auf dem Netz zugänglichen Elementen.
Interview Susanne Gattiker
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Dowload des Artikels als PDF | 653.69 KB |
| Anforderungskatalog | 136.19 KB |
| Gratisbroschüre | 1.43 MB |



