Zu Besuch im «Jardin de France»
Zu Besuch im «Jardin de France»
Wenn Schülerinnen Lerneinheiten für andere Schüler machen
An der privat geführten Freien Schule Werdenberg, Buchs SG, traf die «profi-L-Redaktion» auf Schülerinnen und Schüler, die sich im Fach Französisch Unterrichtssequenzen ausdachten, Lernspiele und -hilfen entwickelten und so Mitschülerinnen und -schüler beim Lernen unterstützen wollten. Dass Kinder selbst Spiele herstellen, ist ein didaktisches Instrument, das an Schulen recht häufig zum Zug kommt. In Buchs jedoch ist das nicht eine unter vielen, sondern die zentrale Methode, um Lernenden ein Höchstmass an Verantwortung zu übertragen.
Was muss das für eine Art von Unterricht sein, wenn der 15-jährige Patrik Folgendes darüber schreibt: «Dem Jardin de France eine Zukunft zu geben, das wäre eine Idee. Stellen wir uns vor, alle Schülerinnen und Schüler in allen Schulen der Schweiz würden so arbeiten! Wahrscheinlich müssten alle Professorinnen und Professoren, die ihr Geld mit der Erschaffung von Lehrmitteln verdienen, einen neuen Job lernen. Aber es würde vielen Schülerinnen und Schüler mehr Spass machen im Franzunterricht. Mit dem Jardin de France würden sicher nicht alle Probleme weg sein, doch ich fand Französisch – für mich lange das dümmste Fach der Welt – auf einmal interessant. Keine langweiligen Übungen, die sowieso schnell vergessen werden, sondern handfeste und richtige Arbeit.»
Wie gehen Schülerinnen und Schüler vor, wenn sie Lerneinheiten bauen? Sie nähern sich auf individuelle Art mit ihren persönlichen Stärken der französischen Sprache und kreieren und testen eigene Ideen für ein Lehr- und Lernmittel. Isabelle (11) z. B. entwickelt eine attraktive Scheibe für das Erlernen französischer Tiernamen. Wo der um seine eigene Achse drehbare Pfeil dieses «Zifferblatts » hinweist, wird der Tiername verdeckt, und der Klassenkamerad versucht, sich z. B. an den Begriff für «Pferd» zu erinnern. Zora (10) und Christine (13) haben ein eigenes kleines Lernmittel für die «Biologie du corps humain» geschaffen und führen Interessierte aus der Klasse in dieses Themenfeld ein. Eine Art bilingualen Sachunterrichts. Reto (8) teilt sein Wissen über Power-Point-Präsentationen mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern; daraus entstehen dann am Computer Wortschatzübungen zu verschiedenen Themen. Christian beobachtet und befragt die Feuerwehrleute, die vor dem Schulhaus eine Übung durchführen, und gestaltet ein Lernbild mit Tonaufnahme zu deren wichtigsten Arbeitsmaterialien. Daneben gibts Leiterlispiele, Lernkarteien, raffinierte Lernhilfen für die Konjugation von Verben oder Brettspiele mit Labyrinthen, Wortschatzrätseln, Videosequenzen zum Skating-Sport, einen Postenlauf für die Bewegungsfreudigen und vieles mehr.
Das Konzept dahinter: Lernen durch Lehren. Auf der http://www.ku-eichstaett.de/Fakultaeten/SLF/romanistik/didaktik/Forschun...">Website des Projekts finden sich dazu folgende Aussagen:
«… Bei Lernen durch Lehren lernen die Schüler den neuen Stoff, in dem sie ihn lehren, also didaktisch aufbereiten, ihren Mitschülern präsentieren und mit ihnen zusammen erarbeiten. Lernen durch Lehren ist handlungsorientiert. Die Schüler unterrichten den von ihnen erarbeiteten Stoff, werden dadurch selbst aktiv und gewinnen ein erhöhtes Mass an Autonomie. Durch die hohe Beteiligung der Schüler in den Bereichen Präsentation, Moderation und Gruppenarbeit ist die Methode besonders geeignet, um den Schülern Schlüsselqualifikationen zu vermitteln. Lernen durch Lehren wurde von Jean-Pol Martin im Rahmen des Französischunterrichts entwickelt und wird in verschiedenen Fächern in allen Schultypen und Altersstufen erfolgreich eingesetzt.»
(Mehr erfahren Sie durch Eingeben des Begriffs http://www.google.ch/search?q=lernen+durch+lehren">«Lernen durch Lehren» bei Google).
Wenn Lernende wie die Jugendlichen der Werdenberg- Schule für Klassenkameradinnen und -kameraden Lernhilfen entwickeln, bedingt das einen Perspektivenwechsel. Lernende versuchen, sich in die Situation Lehrender zu versetzen und machen sich didaktische Überlegungen: Wie können neue Inhalte vermittelt werden? Was könnte motivieren? Was kann mit einer bestimmten Spiel- oder Übungsanlage effektiv gelernt werden? Auch wenn die von den Lernenden entwickelten «Lehrmittel » sich zumeist auf Wortschatzerwerb, Formenkenntnis und den Übungsbereich beschränkten, so lernen die Schülerinnen und Schüler in ihrer Rolle als «Lehrende» dabei doch viel tiefgründiger, viel motivierter und weit vielschichtiger, als sie es sonst tun würden, als «folgsame Figuren» im didaktischen Konzept Anderer.
Warum haben wir uns in Buchs über den dort so anders gearteten Französischunterricht informieren lassen? Die Freie Schule Werdenberg macht aus eigener Initiative Erfahrungen mit neuen Lehrund Lernformen, wie sie in der einen oder anderen Form für einen künftigen Französischunterricht nutzbar gemacht werden könnten. Um die Eigenaktivität und -verantwortung der Lernenden auch im Fremdsprachenunterricht zu stärken, wird man sich in einigen Jahren stärker am projektartigen Arbeiten orientieren. Es war für die Verantwortlichen der Lehrmittelentwicklung eine interessante Erfahrung, am konkreten Beispiel beobachten zu können, wie projektartiges Arbeiten funktioniert und wo es an Grenzen stösst. Über den weiteren Fortgang der in Kürze beginnenden Lehrmittelentwicklung hält sie «profi-L» selbstverständlich auf dem Laufenden.
Peter Uhr
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Download des Artikels als PDF | 425.35 KB |