Reflektieren, was soll das?

Reflektieren, was soll das?

Roland Rüegg: Bereichsleiter Erziehungs- und   Sozialwissenschaft Institut Sekundarstufe I PHBernRoland Rüegg: Bereichsleiter Erziehungs- und Sozialwissenschaft Institut Sekundarstufe I PHBern

Reflektieren, reflexiver Unterricht, reflexive Praxis, reflexive Praktika – Reflexion ist im Schulalltag und in den Erziehungswissenschaften zunehmend zu einem Thema geworden. Ist Reflexion das Zauberwort der Bildungs- und Erziehungslandschaft, das in schwierigen Situationen des Schulalltags hilft? Singt die Welt beim Zauberwort Reflexion? Was steckt hinter dem Reflektieren und wozu sollen wir dies tun?

Was ist Reflektieren? Die Schwierigkeit, obige Fragen zu beantworten, beginnt bereits mit der Klärung des Begriffs. Walter Herzog sieht in der Reflexion einen kog­nitiven Prozess, der auf Handlung bezogen ist, jedoch handlungsentlastet stattfindet. Reflektieren bedeutet in diesem Sinne, «vor einer Handlung, die sich zu verwirren droht, innehalten, drei Schritte zurücktreten, denken» (Hans Aebli). Es geht also um das Nachdenken über das praktische Tun.

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

J. von Eichendorff

Im Alltag reflektieren: In der Hektik des Schulalltags ist Innehalten selten möglich. Die Tagesgeschäfte hetzen einen vorwärts: Telefon vor der Stunde (Schüler krank), Streiterei schlichten im Anschluss an die Stunde, in der Pause Kollegin informieren über das Gespräch mit der Mutter von Kevin, … es bleibt keine Zeit zum Nachdenken über Anna, die heute im Deutsch schon wieder stumm und passiv war. Und dennoch, es braucht die Zeit, die Situation zu überdenken und sich durch den Kopf gehen zu lassen: Welche Informationen habe ich über Anna? In welcher Situation steckt sie gegenwärtig? Welche Leistungen zeigte sie in letzter Zeit?

Eine Auslegeordnung, festgehalten zum Beispiel als Mind­Map, gibt der schwierigen Situation im Falle von Anna eine Form und Struktur. Die Informationen der Kollegin, die bei Anna Sport unterrichtet, ergänzt das Mosaik. Es werden schemenhaft Zusammenhänge sichtbar: Die Abkapselung von Anna in der Klasse, die schwierige Situa­tion mit dem arbeitslosen Vater zuhause, das zunehmend geringer werdende Selbstvertrauen von Anna in den Fächern Deutsch, NMM und Sport. Es stellen sich neue Fragen, es gibt Hypothesen: Steckt Anna einfach in einem pubertär bedingten Formtief? Leidet sie unter der familiären Situation? Wird sie von der Klasse gemobbt?

Wozu reflektieren? Mehr zu wissen über Sachverhalte und zudem theoretische Konzepte zur Hand zu haben, erweitert den Blickwinkel und bietet zusätzliche Perspektiven, die über jene des Alltagswissens hinausgehen. Es unterscheidet gerade die Fachfrau / den Fachmann vom Laien, dass sie / er etwas weiss über die spezielle psychische Situation von heranwachsenden Jugendlichen, über den Zusammenhang zwischen Leistungsvermögen und Selbstwertgefühl oder über die Einflussgrössen, die Mobbing in einer Klasse begünstigen.

Aber genaues Hinschauen und Analysieren allein reichen nicht aus. Der Berufsauftrag erfordert, dass Lehrpersonen reagieren und handeln. Eine klare Struktur über einen schwierigen Sachverhalt zu haben, ist jedoch erst die Hälfte der Miete. Als Pädagoginnen oder Pädagogen zu handeln bedeutet, an einem Punkt anzusetzen, der relevant und auch beeinflussbar erscheint, und ein Ziel ins Auge zu fassen. Annas Situation zuhause kann nicht verändert werden, ihre persönliche Situation als Heranwachsende ebenfalls nicht. Dem Verdacht des Mob­bings nachzugehen, ist jedoch möglich, und das Thema mit der Klasse aufzugreifen, liegt in der Kompetenz und auch in der Verantwortung der Lehrpersonen von Anna und der Schule als Ganzes.

Wie reflektieren? Einfach zu probieren, Versuch und Irrtum, ist im pädagogischen Geschäft meist nicht die beste Wahl. Häufig sind die Situationen komplex, unwägbar, vielleicht sogar chaotisch. Die Psychologie spricht von kognitiven Konflikten und meint damit Situationen, in denen Ist und Soll auseinanderdriften. Hier ist strukturierendes Nachdenken angebracht, und genau dies tun wir beim Reflektieren.

Reflektieren hat eine einfache Struktur, die weitgehend der Vorgehensweise entspricht, die im Berner Lehrplan (1995) von den Schülerinnen und Schülern verlangt wird, wenn sie über ihre Lernprozesse nachdenken sollen (Umsetzungshilfe NMM 3: Fördern von Fähigkeiten und Fertigkeiten):

1. Vorbereiten: Vorüberlegungen anstellen über den Zweck des Nachdenkens und über das geeignete Vorgehen dazu

2. Wahrnehmen: Informationen sammeln durch Beobachten und durch Gespräche mit den Betroffenen

3. Verstehen: Zusammenhänge suchen, Erklärungen und Gründe finden

4. Planen: Ziel bestimmen, einen Punkt aufgreifen mit Blick auf das gesetzte Ziel

Die Reflexion umfasst die Schritte 1 bis 4. Die Schritte 1 bis 3 sind Analyse, mit Schritt 4 stellen die Lehrpersonen die pädagogische Frage nach dem «Was-soll-ich-tun?». Anschliesssend ist bewusstes, reflektiertes Handeln möglich: tun, ausführen, was geplant ist.

Die Lehrpersonen sitzen beim Reflektieren im selben Boot wie die Schülerinnen und Schüler: Sie denken nach – über unterschiedliche Dinge zwar –, jedoch mit Hilfe derselben Denkfigur.

In der Ausbildung reflektieren: Diese Haltung des disziplinierten Nachdenkens, die sich in den Beiträgen dieser Nummer spiegelt, wird in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung aufgegriffen. Die angehenden Lehrpersonen sollen den Berufsauftrag professionell erfüllen lernen. Eine der professionellen Kompetenzen dazu ist die Reflexion. Die Studierenden setzen sich während ihrer Ausbildung mit wissenschaftlichen Konzepten an den Ausbildungsinstituten und mit konkretem beruflichem Handeln in den Praktika auseinander. Sie laufen dabei Gefahr, in den vielbeschworenen Graben zwischen Theorie und Praxis zu fallen. Legionen von Lehrerinnen- und Lehrerbildnern haben versucht, diese gefährliche Kluft zu überbrücken, zahlreiche Lehrpersonen zappeln noch immer zwischen den Felsen.

Mit der Idee von reflexiven Praktika wird versucht, den Schritt über den Graben zu tun. Wissenschaftliche Theorien sind keine Instrumente, die zeigen können, wie komplexe Probleme des Schulalltags gelöst werden sollen. Sie können aber zu zusätzlichen Sichtweisen bei der Analyse von schwierigen Situationen verhelfen. Das ist nicht wenig! Mit zwei Augenpaaren statt mit einem Paar zu sehen, das kann schon viel bringen und den Blick schärfen. Kommt dazu, dass die zusätzliche Sicht dazu verhelfen kann, die eigene, alltagspsychologische Sicht wahrzunehmen. Sich selbst zu erkennen als Zugabe! Die Weisen aus dem antiken Griechenland hätten ihre Freude.

Und nun? Reflektieren ist nichts anderes als diszipliniertes Nachdenken über sein eigenes Handeln. Wir tun dies manchmal oder lassen es bleiben, denn Nachdenken ist zwar etwas spezifisch Menschliches, aber auch etwas Anstrengendes. Tausende von Jahren Menschheitserfahrung zeigen zudem, dass uns auch Nachdenken nicht vor gewaltigen Dummheiten bewahrt. Sie zeigen aber auch, dass Nachdenken zu neuen Erkenntnissen führen kann und zu wunderschönen Ergebnissen und enormer Befriedigung. In diesem Sinne gilt es Eichendorff etwas zu nuancieren: Das Zauberwort muss nicht nur getroffen, sondern in seiner Intention umgesetzt werden. Die Natur beginnt dann zwar nicht zu singen, aber ein leises Summen, das liegt allemal drin.

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