Reflexion setzt Vertrauen voraus
Die 4. Klasse von Elisabeth Ruch ist es gewohnt, über das Lernen nachzudenken. Sie tut es zwar nicht täglich, denn die Lehrerin weiss aus Erfahrung, dass sich Reflexion sonst zu Tode läuft und nichts mehr bringt.
:: Seiten 84 / 85 aus Themenheft Süssholz
Mit Elisabeth Ruchs jetziger Klasse wäre Reflexion über eine ganze Unterrichtseinheit am Anfang des 3. Schuljahres noch nicht möglich gewesen. Denn auch hier gilt: Erst einmal kleine Brötchen backen. Elisabeth Ruch beginnt mit dem Aufbau der Reflexionsfähigkeit am Anfang mit sogenannten «Tageszielen»: Die Kinder setzen sich am Morgen ein Ziel aus dem Bereich «eigenes Verhalten». Am Ende des Tages denken sie dann darüber nach, ob sie ihr Ziel erreicht haben und warum ihnen das gelungen ist oder eben nicht.
In einer nächsten Phase wird im Kreis über die Fragen nachgedacht: Was merke ich mir von heute? Was habe ich heute gelernt? Jetzt geht es also nicht mehr nur um das Verhalten, sondern auch um die Sache. Jedes Kind muss dazu mindestens einen Satz sagen. Da kann es schon vorkommen, dass Schülerinnen und Schüler Sätze von andern Kindern wiederholen. «Das macht überhaupt nichts», findet Elisabeth Ruch. «Es gibt doch Kinder, die erst lernen müssen, was sie in einer solchen Situation sagen können. Da ist es gut, wenn sie Vorbilder haben. Mit der Zeit werden sie dann von selber eigenständiger.» Für fremdsprachige Kinder gibt sie sogar Satzanfänge vor:
Ich fand es einfach, …
Es ist mir schwer gefallen, …
Ich habe mir überlegt, …
Nächstes Mal versuche ich, …
Grundfragen zur Reflexion
Sobald die Aufbauphase abgeschlossen ist und alle Kinder einfache Reflexionsaussagen über ihr Lernen ma-chen können, führt Elisabeth Ruch vier Grundfragen zur Reflexion ein: 
Die Symbole erleichtern die Reflexionsarbeit. Die Kinder müssen nämlich nicht immer erst aufschreiben, zu wel-cher Frage sie reflektieren wollen, sondern können vor ihre Aussage einfach das entsprechende Symbol zeichnen. Wichtig findet Elisabeth Ruch in dieser Phase, dass die Kinder vorher darüber informiert werden, worüber sie später reflektieren sollen. «Wenn Kinder das Ziel einer Arbeit kennen, können sie hinterher gut einschätzen, ob sie es erreicht haben. Deshalb gebe ich jeden Morgen bekannt, was auf dem Programm steht und welche Ziele wir damit erreichen sollten.» Aufgrund der Aussagen der Kinder kann Elisabeth Ruch überprüfen, ob die Ziele, die sie gesetzt hat, erreicht worden sind oder welche Fragen sie eventuell noch einmal aufnehmen muss.
Eine Unterrichtseinheit reflektieren
Wenn die Kinder etwas Übung im Nachdenken über die vier Grundfragen haben, beginnt Elisabeth Ruch mit ihnen über ganze Unterrichtseinheiten zu reflektieren. Zum Beispiel über das Thema Zucker, das die Kinder mit Hilfe des Lehrmittels «Süssholz» erarbeitet haben.

Auch hier gibt sie zuerst die Ziele bekannt, über die später reflektiert wird. Die Doppelseite 84/85 im Themenheft «Süssholz» (Bild rechts, siehe auch Downloadbereich) findet Elisabeth Ruch für die Reflexion mit ihren Schülerinnen und Schülern ideal. Denn einerseits kann damit darüber nachgedacht werden, was im Verlauf der Unterrichtseinheit alles gemacht wurde: erleben, erproben, experimentieren …Aber auch die Reflexion über Fähigkeiten/Fertigkeiten wird angeregt: sammeln, vergleichen, verarbeiten … Und die «Reflexionsmaschine» hilft beim Erinnern an die Ergebnisse und Produkte, die im Verlauf der Unterrichtseinheit entstanden sind.
Die Doppelseite rückt aber nicht nur die Vergangenheit ins Zentrum. Sie kann auch Ausgangspunkt für ein nächstes Projekt sein: Die Schülerinnen und Schüler können auf dieser Grundlage ihre nächste Arbeit planen. Im Fall von Elisabeth Ruchs Klasse das Projekt «Teich», in dem die Schülerinnen und Schüler sehr selbstständig gearbeitet haben (siehe Downloadbereich).
Für Elisabeth Ruch ist klar: «Damit Schülerinnen und Schüler reflektieren können, brauchen sie Vertrauen, einerseits in sich selbst und andererseits in die Klasse. Wer ausgelacht wird, ist beim nächsten Mal nicht mehr bereit, sich in derselben Art Gedanken über das eigene Lernen zu machen. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder meine Haltung kennen: Lernen ist eine sehr persönliche Sache. Nicht alle lernen gleich, nicht alle benötigen dieselben Hilfestellungen, nicht alle müssen an denselben Fähigkeiten und Fertigkeiten arbeiten.»
Susanne Gattiker
Die Auszüge im Downloadbereich zu dieser Seite
(7 Seiten aus Ninas NMM-Heft) zeigen,
wie Nina bei ihrer Arbeit zum Thema «Frösche» vorgegangen ist.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Notizen im Arbeitsheft von Nina | 1.42 MB |
| Download des Artikels als PDF | 329.26 KB |



