Schön und gut!?
Schön und gut!?
Nachdenken, diskutieren, begutachten im textilen Gestaltungsunterricht
Es ist für Schülerinnen und Schüler (und oft auch für Lehrpersonen) schwierig und ungewohnt, sich über ästhetische Qualitäten bei textilen Produkten zu äussern. Aussagen wie «Das ist doch Geschmacksache!», «Mir gefällt es so! – Weshalb? – Einfach, weil es schön ist!» machen uns Lehrpersonen Mühe, gestalterische Aspekte in Schülerarbeiten zu beurteilen (und dies auch zu begründen!). Wie können Schülerinnen und Schüler angeregt werden, mehr nachzudenken über die Frage, was denn eigentlich schön sei? Wie bringen wir sie dazu, höhere Ansprüche an die Gestaltung ihrer Produkte zu stellen und etwas hartnäckiger und selbstkritischer ihre Entwürfe zu entwickeln?
Meine Erfahrung zeigt, dass fundierte, der Stufe angepasste Kenntnisse über das Zusammenwirken von Farben, Formen und Materialien bei den Lernenden eine wichtige Voraussetzung sind, um über gelungene Gestaltungen nachdenken zu können. Wenn man zudem einige Fachbegriffe zur Gestaltungslehre kennt und versteht, gelingt es besser, optische Erscheinungen genau zu beobachten und sorgfältig zu beschreiben. Ein Gestaltungskonzept zu «knacken», kann zudem spannend wie Detektivarbeit sein: Weshalb gefällt mir etwas so sehr? Was macht seinen Reiz aus, was verblüfft mich so? Gibt es eine Spielregel dahinter? Finde ich das Geheimnis heraus? Wie erkläre ich es? Kann ich auch so etwas schaffen?
Genauso selbstverständlich wie im Unterricht der Umgang mit Geräten und Verfahren geübt wird, sollten Gelegenheiten geboten werden, gestalterische Spielregeln zu entdecken, in der Gruppe darüber nachzudenken und zu diskutieren – nachfolgende Entwürfe für eigene Vorhaben gelingen dann oft besser. Die Schülerinnen und Schüler trauen sich eher an eigenständige Lösungen.
Die beiden Unterrichtsbeispiele geben einen Einblick, wie im textilen Gestalten ästhetische Phänomene analysiert werden können, andererseits zeigen sie auf, wie ein Gestaltungsauftrag durch die Lernenden selber begutachtet werden kann. Dabei soll die Reflexion oder Auswertung einen entdeckenden, anspornenden Aspekt haben und im besten Fall die Einsicht beinhalten, miteinander etwas Wesentliches herausgefunden zu haben.
Auftakt in ein neues Unterrichtsvorhaben: Die Lerngruppe analysiert im Plenum das Bild eines historischen Quilts der Amischen, bevor mit einem eigenen Entwurf für eine kleine Quiltarbeit begonnen wird.
Double Ninepatch: aus: «Quilts – die Kunst der Amischen», Edition Stemmle
Zuerst geht es darum, die «harten Fakten» festzustellen, die durch alle zu beobachten und nachzuvollziehen sind. Man könnte auch sagen, dass die Schülerinnen und Schüler versuchen, das Bild zu lesen und präzise zu beschreiben, was sie sehen. Es geht um das Entdecken eines Gestaltungskonzeptes. Was hat sich damals die Quilterin wohl vorgenommen bei ihrem Entwurf? Welche Farben hat sie ausgewählt? Leuchtend bunte, matte, helle, dunkle? Wie viele Farbtöne gibt es, wie sind sie angeordnet? Wie ist die Innenform gegliedert? Wie verhält es sich mit Quadraten, Rechtecken, Streifen, Dreiecken? Gibt es Formen in einer Form? Wiederholungen, Gleichseitiges, Muster? Das Augenfällige ist oft rasch entdeckt, doch wer findet versteckte Ordnungen? Sehen wirklich alle das Gleiche?
Im zweiten Schritt geht es darum herauszufinden, was eigentlich an diesem Quilt schön ist – und was nicht. Die traditionellen Quilts der Amischen sind weltberühmt und viele hängen in Museen zeitgenössischer Kunst. Ihre Gestaltung wird in der Literatur als «zeitlos schön» bewertet. Was könnte damit gemeint sein? In der Gruppendiskussion zeigt sich schnell die Schwierigkeit, Qualitätsmerkmale für schöne «Dinge» im Allgemeinen zu definieren. Ist es wirklich nur der kleinste gemeinsame Nenner?
Als Nächstes geht es um die Frage: Was gefällt dir am Quilt und was nicht? Nun sind die eigenen Bewertungen gefragt, auch Gefühle dürfen hier ausgedrückt werden. Die Einschätzungen und Emotionen sind verschieden. Spannend wird die Diskussion dann, wenn die Lernenden plötzlich merken, dass beim Quilt eine ungewöhnliche, gewagte Farbkombination (die sie selber nie gewählt hätten!), freche Ausrutscher in der strengen Geometrie, scheinbare Fehler und ungenaue Verarbeitung vorkommen. Für einige wirkt der Quilt gerade deswegen so lebendig und ästhetisch, bei anderen stossen die gleichen Entdeckungen auf Widerwillen.
Auswertung eines Gestaltungsauftrages: In Partnerarbeit werden die bestickten Karten der Mitschülerinnen und -schüler begutachtet und Rückmeldungen verfasst.
Auswertungsblatt Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe haben Ansichtskarten bestickt. Sie hatten dabei den Auftrag, auf das bestehende Bild eine spannende, verblüffende, versteckte oder ins Auge springende eigene Gestaltung zu applizieren. Dabei sollten sie ihre vorher erworbenen Kenntnisse zu Aspekten der Gestaltungslehre anwenden. In der nun folgenden Reflexionsphase versuchen die Lernpartnerinnen und -partner bei zwei fremden Karten herauszufinden, welche Gestaltungsprinzipien angewendet wurden (vergleiche nebenstehendes Auswertungsblatt). Wer gut analysieren will, muss selber Spezialist sein und sich dazu noch einmal die Elemente der Gestaltungslehre vergegenwärtigen – das heisst, beim Begutachten der fremden Karten wiederholen die Schülerinnen und Schüler das bereits Gelernte. Im Team werden Unsicherheiten diskutiert, bis ein Konsens steht. Zum Schluss erhalten alle die eigene Karte zurück, versehen mit einem kurzen, schriftlichen Kommentar in konstruktivem Stil. Denn Begutachten heisst immer auch, auf das Gute zu achten!
Karte 1: Formanlehnung; weisse Punkte (Knötchenstich) bilden eine Linie; Hell-dunkel-Kontrast, Mengenkontrast und Blickfang
Karte 2: Formanlehnung (Stiche entsprechen den Gräsern), Formbrechung durch die Sprengung des Bildrandes. Bunte Farbigkeit, Hell-dunkel-Kontrast, Streuung
Karte 3: Formanlehnung; Fläche als Blickfang im Vordergrund; Hell-dunkel-Kontrast; Farbfamilie; Materialkontrast flauschig-glatt
Karte 4: Formbrechung; Farbfamilie; Materialkontrast glänzig-matt
Karte 5: Formbrechung; Blickfang; Komplementärkontrast
Regula Pinz, Primarlehrerin in Wichtrach und Kursleiterin/Dozentin für textiles Gestalten
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