Bildungsziel Selbstmanagement
Anton Strittmatter, in den 40 Jahren seines Berufslebens «burnout-frei, lustvoll-neugierig und einigermassen tüchtig», über Irrsinn und Sinn einer Sehnsucht.
Anton Strittmatter: Leiter Pädagogische Arbeitsstelle LCH
Ich hatte mir vor Jahren eine der sündhaft teuren, ledergebundenen «Time-System»-Agenden gekauft, samt zugehörigen Ratgebern. Und das Set dann nach wenigen Wochen in einem Anfall von Kastrationsangst der Müllabfuhr übergeben. Teuer ist das Thema allerdings geblieben: Es kostet mich Nachtarbeit, Schelte für verspätetes Abliefern von Manuskripten, stundenlanges Suchen von Unterlagen in überall herumliegenden Papierbergen, aufwendige Wiedergutmachungen bei Frau und Kindern für Freizeitraub, kaum mehr steigerbare Entschuldigungspoesieleistungen und finanzielle Einbussen für nicht gestellte Rechnungen.
Und dabei bin ich die ganzen 40 Jahre meines Berufslebens ziemlich gesund und burnoutfrei, lustvoll-neugierig und einigermassen tüchtig und wirksam bezüglich der beruflichen Aufgabenerfüllung geblieben.
Wirklich «manageable»?
Ich gestehe: Ich mag «Selbstmanagement» tatsächlich und aus tiefster Seele nicht. Mein Selbst schon. Aber das Management geht mir gegen den Strich. Kommt aus dem Lateinischen «manum agere», Italienisch «maneggiare», bedeutet «etwas im Griff haben». Passt eher zur erlebten Erziehung der 50er-Jahre. «Beherrsche Dich! Sündige nicht! Gehe den geraden Weg! Nasche nicht! Wisse jederzeit was Du tust, für wen und nach welchen Regeln! Halte jeden Abend Rückschau auf Deine guten Taten und schändlichen Vergehen! Mache Dir und halte die nötigen Vorsätze!»
Irgendwann wurde ich erwachsen – mit ein paar Rückfällen (siehe Episode «Time-System»). Erwachsenwerden bedeutete: Schritt für Schritt entdecken, wer ich bin. Was ich brauche, um gleichzeitig Tüchtigkeit und Wohlbefinden zu empfinden. Auch was mir nicht gut tut und mich untüchtig macht beim Unterrichten, Beraten, Forschen, Verhandeln, Führen. Beispielsweise zu entdecken, wie mich das Zettelchaos um mich herum geistig anregt und ein aufgeräumtes Pult buchstäblich ratlos macht. Anzuerkennen, dass ich den Druck des nahen Ereignisses brauche, um intellektuell und emotional auf Touren zu kommen. Mich intensiv zu freuen über alle die beiläufigen Fundstücke beim vergeblichen Suchen eines Dokuments – Perlen, die in wohl organisierten Ordnern und Hängemappen für die Ewigkeit verlocht geblieben wären. Auch merken, dass ich meist übervorbereitet sein muss, um aus dieser Sicherheit heraus dann die Krücken wegwerfen und lebendig improvisieren, unterrichten oder debattieren zu können.
Den Preis anerkennen
Das kostet natürlich, wie schon angetönt, seinen Preis. Den erbringe ich selbst unterschiedlich gerne. Und ich muss vor allem anerkennen, dass bei dieser beruflichen und privaten Lebensführung Menschen um mich herum gestresst werden oder gar zu Schaden kommen können. Das führt dann doch zu immer wieder unternommenen Anläufen der «Besserung»: Rudimentäre Planungsinstrumente, Tabuzonen in der Agenda, halbjährliche Räumungsaktionen, frühzeitigeres Anmelden von absehbaren Erfüllungsnöten, radikales Streichen ganzer liebgewordener Angebote aus dem Sortiment. Und ich bin in Demut dankbar geworden für die Toleranzen und Unterstützungsleistungen der betroffenen Umgebung.
Ich träume manchmal von der nun absehbaren Pensionierung. Tonnagen Fachdokumentation entsorgt, Pult aufgeräumt, ausschlafen, niemand will mehr was schon für vorgestern von mir, mich ganz der Familie hingeben, ein paar berufliche Rosinen picken im Masse der verbleibenden Lust am Kürlaufen und mit viel Zeit dafür. Die Psychologen sagen, die persönliche Sehnsucht liege im «Gegenquadranten»: Der Ordnungstraum der Chaoten, die Anarchielust der Buchhaltermenschen, die Geborgenheit in der sozialen Nestwärme als Sehnsucht der Lonely-Cowboys, das Eigensinn-Bedürfnis des Gruppenmenschen.
Die Individualität kennen und respektieren
Zwischenfazit: Ich musste lernen, oft zu einem hohen Preis, besser auf mich selbst zu achten. (Übrigens: Gut auf sich achten setzt wohl viel Selbstachtung voraus. Was auch und biografisch immer wieder neu zu lernen war.) Ich musste lernen, mir das fordernd zu nehmen, was ich für mein gutes Funktionieren brauche, auch Settings fordernd zu verändern, beispielsweise ungünstige Unterrichtsräume, Zeiten, störende Geräusche, die Tüchtigkeit und Wohlbefinden hemmen. Und ich hatte zu lernen, die ständige kompromisshafte Gratwanderung zwischen meinem guten Funktionieren und dem Recht auf ihnen gemässes gutes Funktionieren meiner beruflichen und privaten Partnerinnen und Partner verantwortungsvoll zu gestalten. Mir ist auch sehr klar geworden, dass andere Menschen ganz anders gut funktionieren (können müssen). Es liegt mir ebenso fern, meinen «Stil» für generell empfehlenswert zu halten, wie irgendeinen anderen Stil – ob lehrbuchgestützt oder nicht – zu propagieren.
Alltägliches Einüben der Selbstfindung
Damit bin ich beim Stichwort: Selbstführung lehren. Es macht zweifellos Sinn, ja gehört zu den wichtigsten Bildungsaufträgen, Kinder und Jugendliche in der Entwicklung ihrer Fähigkeit der Selbstführung zu unterstützen. Professionelle wissen dazu:
Es geht in der Pädagogik immer, auf jeder Stufe, um den Wechsel zwischen Fremdführung und Selbstführung. Fremdführungsanlässe mit Vorgabe von Strukturen, Abfolgeschritten, Regeln. Selbstführungsanlässe in der Gestaltung von Dokumenten, in der Zeitnutzung, in der Wahl der Arbeitsform. Es gibt im Unterrichtsalltag pausenlos Gelegenheiten, die Lernenden – meist beiläufig-kurz – mit diesem Thema auch bewusst zu konfrontieren.
Was wann in welchen Anteilen angebracht ist, hängt vom allgemeinen Entwicklungsstand der Klasse und vom individuellen Entwicklungsstand ab. So ungeheuer wichtig das Ziel der Selbstführung ist, so schädlich kann Überforderung mit resultierenden negativen Selbstkonzepten und Hilflosigkeitsmustern sein. Man kann sich mal in beide Richtungen arg verschätzen; dann ist aber «laut denken» über die eben gemachte Erfahrung und rasche, undramatische Korrektur angesagt.
Die Selbstführungs-Anteile können – bei allem Respekt vor Überforderung – oft grösser sein, als man meint; die Fähigkeiten auch schon kleiner Kinder werden häufig unterschätzt; oder dann fehlt es an Geduld und Unterstützung, damit nach anfänglichen Misserfolgen nicht gleich die Flinte ins Korn geworfen und auf dominante Fremdführung gewechselt wird.
Spätestens seit Vesters «Lerntypen» (Ende 60er-Jahre) weiss man um die individuell sehr unterschiedlichen, biografisch und vielleicht auch genetisch bedingten Prägungen bzw. Muster der Kinder und Jugendlichen. Die sind veränderbar, aber oft nicht sehr rasch und manchmal sehr begrenzt.
Alle kollektiven «Direktschulungen» sind von mehr als bescheidener Wirkung. Die Nachhaltigkeit von «Lernenlernen-Intensivkursen» und dergleichen ist empirisch mehrfach widerlegt; selbst bei Gymnasiasten, bei denen die Selbstführungskompetenzen als besonders entwickelt oder entwickelbar anzunehmen wären.
Die Realitäten ebenso hüten wie die Ideale
Was die Schule tun kann – so mein Fazit –, ist ein Dreifaches: erstens die Bildungsziele im Bereich Selbstführung ständig vor Augen halten. Zweitens ein breites Repertoire an Selbstführungs-Haltungen und -Verhaltensweisen bzw. -techniken vorführen. Und drittens – und vor allem – die Kinder und Jugendlichen möglichst nahe begleiten. Das heisst konkret, ihnen immer wieder Momente der Metaführung verschaffen: Wann und wie läuft es mir gut? Wann/wo stehe ich mir selbst auf den Füssen? Welche Folgen hat dieses oder jenes Muster für mich und meine Umgebung? Wie geht es mir dabei, wie angemessen ist der Preis für diesen «Eigensinn»? Was könnte ich mal anders probieren? Welche Unterstützung brauche ich dafür? Wie gehe ich überhaupt mit Unterstützung um?
Das können Lehrerinnen und Lehrer in 28er-Klassen, mit 28 Pflichtlektionen und überladenen Lehrplänen normalerweise nicht intensiv genug leisten. Zu unserer Selbstführung als Berufsstand gehört deshalb auch, die Bildungsansprüche selbstbewusster mit den momentanen und den zu fordernden Gelingensbedingungen zu verbinden und dann offen zu kommunizieren, was – gerade in so zentralen Bildungszielen – real erwartet werden kann und was nicht.
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