Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Wir wollen es wissen!

Wenn Schülerinnen und Schüler eigenständig Nachforschungen zu einer Frage anstellen, sind auf dem Weg zu ersten Resultaten auch viele Aspekte der Arbeitsorganisation zu klären und zu managen.

Die Klasse 8b im Muristalden, Bern, hat kürzlich ein kleines Forschungsprojekt inklusive Forschungsbericht abgeschlossen. Ziel war es, zuerst gemeinsam zu lernen, wie Forscherinnen und Forscher arbeiten, und diese Erkenntnisse anschliessend in einem eigenen Vorhaben umzusetzen. Dabei ging es nicht darum, nach wissenschaftlichen Kriterien zu arbeiten, sondern eher um ein systematisches, kritisches Untersuchen und Beobachten. Ausserdem sollten die Schülerinnen und Schüler zeigen, wie eigenständig sie schon arbeiten können. Die Rahmenbedingungen hat Charly von Graffenried, der NMM-Lehrer der 8b, klar vorgegeben: Ca. 10 Stunden Arbeit (davon 5 in der Schule); einen Forschungsbericht als Reinschrift; eine mündliche Präsentation (ca. 10 Minuten); Termine für die Eingabe des Forschungsprojekts und die Abgabe des Forschungsberichts.

Etwa in der Halbzeit der vorgesehenen Projektdauer haben die Schülerinnen und Schüler erste Ergebnisse für eine Zwischenbeurteilung abgegeben. Die Rückmeldungen hat Charly von Graffenried schriftlich gemacht. Auf dieser Basis haben die Schülerinnen und Schüler anschliessend ihre Forschungsprojekte und -berichte abgeschlossen. «profi-L» hatte Gelegenheit, mit zwei Schülerinnen und zwei Schülern über ihre Arbeiten und ihre Erfahrungen bezüglich Selbststeuerung zu sprechen.

Der grosse Spraydosentest

Emanuel und Sebastian brauchten nicht lange, bis sie ein Thema gefunden hatten, das sie interessierte. Vor ein paar Monaten haben sie nämlich erste Erfahrungen mit Sprayen gemacht – völlig legal, wie sie betonen. Da lag es auf der Hand, dass ihre Forschungsarbeit mit ihrem neuen Hobby in Zusammenhang stehen sollte. Zuerst hatten sie die Idee zu untersuchen, wie eine Spraydose funktioniert. Aber bald war klar, dass sie selber keine Dose öffnen und ihr Innenleben erforschen konnten. Sie hätten sich also die Informationen ausschliesslich per Internet besorgen müssen – und das entsprach ja nicht der Aufgabe, sich selber als Forscher zu betätigen.

Reflexion

Sebastian und Emanuel: Auf der Suche nach der richtigen Spraydose.Sebastian und Emanuel: Auf der Suche nach der richtigen Spraydose.Im Gespräch mit «profi-L» haben Sebastian und Emanuel sich u. a. Gedanken darüber gemacht, wie sie an diese kleine selbstständige Arbeit herangegangen sind, was ihnen dabei gut gelungen ist, wie sie geplant haben und welche Schlussfolgerungen sie aus ihren Erfahrungen ziehen.

Als Neulinge in der Szene hatten sie zu diesem Zeitpunkt noch wenig Ahnung, welche Dosen sie zum Sprayen überhaupt kaufen sollten. Das brachte sie auf die Idee, eine Testreihe anzulegen und verschiedene Spraydosen nach bestimmten Kriterien zu untersuchen und zu bewerten – ähnlich wie Konsumentenmagazine das immer wieder tun. Entstanden ist eine Liste mit den Testresultaten und den Bewertungen der beiden Jungs.

profi-L: Welche Gedanken und Gefühle sind euch durch den Kopf gegangen, als ihr zum ersten Mal von der selbstständigen Arbeit gehört habt?

Emanuel: Ich hatte ein gutes Gefühl und war erwartungsvoll.

Sebastian: Ich habe es gut gefunden, dass wir das Thema selber wählen durften. Unter diesen Voraussetzungen habe ich die Arbeit gerne gemacht.

Was ist euch in euren Augen bei dieser Arbeit gut gelungen?

Sebastian: Die Tabelle. Sie ist übersichtlich und man kann Vor- und Nachteile der verschiedenen Dosen gut herauslesen.

Emanuel: Das Testen ist meiner Meinung nach auch gut verlaufen. Wir haben fortlaufend alles genau notiert und gemeinsam besprochen, welche Noten wir geben wollten.

Wie seid ihr denn überhaupt an diese Arbeit herangegangen? Habt ihr eine Planung gemacht?

Emanuel: Wir kannten ja den Abgabetermin. Insgesamt haben wir uns drei Nachmittage Zeit genommen, um am Projekt zu arbeiten.

Habt ihr diese drei Halbtage schon vorher festgelegt oder erst während der Arbeit?

Sebastian: Wir haben uns am ersten Nachmittag getroffen und gearbeitet und am Ende auch gleich den nächsten Schritt geplant. Und so ging es dann auch weiter.

Habt ihr durch diese Arbeit etwas über das Planen gelernt und was man dabei beachten muss?

Emanuel: Es gibt in einer solchen Arbeit verschiedene Schritte. Zuerst mussten wir uns auf ein Thema einigen. Dann haben wir die Dosen gekauft. Anschliessend haben wir die Tests und die Tabelle mit den Ergebnissen gemacht. So haben wir gelernt, die Zeit einzuteilen.

Ihr hattet also kein Problem, den Abgabetermin einzuhalten?

Sebastian: Am Schluss wurde es etwas knapp. Wir mussten noch schnell den Forschungsbericht schreiben. Es war uns vorher immer etwas lästig gewesen, dass wir alles aufschreiben sollten.

Gibt es etwas, das ihr beim nächsten Mal punkto Planung anders machen werdet?

Sebastian: Vielleicht werde ich den schriftlichen Teil fortlaufend machen, damit ich nichts vergesse, und damit alles noch frisch ist.

Emanuel: Ja, die schriftliche Dokumentation haben wir erst später gemacht und das war dann mühsam. Ich würde ausserdem die Teilschritte noch genauer planen.

Sind Träume Schäume?

Lea und Jeanne: Wollen wissen, was die Leute über ihre Träume denkenLea und Jeanne: Wollen wissen, was die Leute über ihre Träume denken

Lea und Jeanne interessieren sich sehr für Träume. Sie denken oft darüber nach, woher die Träume kommen und warum Menschen bestimmte Träume haben. Für ihre Forschungsarbeit haben sie sich auf folgende Frage beschränkt: Haben Träume eine Bedeutung oder nicht? Es ging ihnen dabei nicht darum, eine wissenschaftlich fundierte Antwort zu finden. Sie wollten vielmehr wissen, was Menschen verschiedener Altersgruppen darüber denken. Sie haben deshalb einen Fragebogen mit drei Antwortmöglichkeiten vorbereitet:

  • Träume sind eine Verarbeitung der Vergangenheit
  • Träume sind eine Botschaft für die Zukunft
  • Träume sind Schäume

Auf einem belebten Platz in der Stadt haben sie dann Erwachsene und Kinder befragt. Die Antworten haben sie festgehalten und nach Alterskategorien der Befragten geordnet.

Reflexion

Im Gespräch mit «profi-L» haben sich Jeanne und Lea Gedanken zu einigen Punkten gemacht, die in Bezug auf das Selbstmanagement wichtig sind:

  • Entscheidungen fällen
  • Hilfe nutzen
  • Verantwortung übernehmen

Welche Entscheidungen musstet ihr fällen im Laufe eurer Forschungsarbeit?

Lea: Eine wichtige Entscheidung war die Wahl des Themas. Wir haben einfach mal verschiedene Vorschläge aufgeschrieben.

Und wie seid ihr schliesslich zu einer Entscheidung gekommen?

Jeanne: Bei einigen Themen konnten wir gleich sagen: Die interessieren uns zu wenig. Die haben wir durchgestrichen. Zu den anderen Themen haben wir Plus- und Minuspunkte gesammelt und uns grob überlegt, was wir dazu überhaupt machen könnten.

Stand von Anfang an fest, dass ihr als Team arbeiten wollt, oder musste dieser Punkt auch entschieden werden?

Lea: Das war von Anfang an klar. Für uns war sogar das Thema zweitrangig. Wir wollten die Arbeit einfach unbedingt zusammen machen.

Ein wichtiges Ziel des Projekts war ja, möglichst selbstständig zu arbeiten. Hat Herr v. Graffenried euch trotzdem Hilfsangebote gemacht? Und wenn ja, habt ihr sie genutzt?

Jeanne: Ja, wir konnten Besprechungstermine mit dem Lehrer vereinbaren. Dieses Angebot haben wir hin und wieder genutzt. Aber nicht zu häufig, denn es war uns wichtig, dass wir selbstständig arbeiten konnten. Ich finde es wichtig, dass man Hilfe sucht und annimmt, wenn man nicht weiter weiss. Das haben wir bei der letzten selbstständigen Arbeit nicht getan. Und die ist dann auch nicht besonders gut herausgekommen.

Lea: Diesmal haben wir Herrn v. Graffenried gezeigt, was wir vorhaben, und ihn um seine Meinung gebeten. Er hat uns auch Tipps gegeben, zum Beispiel wie wir den Fragebogen machen könnten. Die Gespräche mit ihm waren wichtig für uns.

Ihr habt erzählt, dass ihr sehr selbstständig gearbeitet habt. Das bedeutet ja auch, dass ihr Verantwortung übernehmen musstet.

Jeanne: Ja, wir mussten die Verantwortung dafür übernehmen, ein Thema zu finden und Ideen für die Umsetzung zu suchen. Das alles mussten wir dem Lehrer vorstellen. Er musste damit auch einverstanden sein. Ausserdem mussten wir das Projekt rechtzeitig abgeben. Dafür waren wir auch verantwortlich.

Lea: Wir haben uns auch sehr verantwortlich dafür gefühlt, dass die Arbeit diesmal auch wirklich gut wird. Nicht so wie beim letzten Mal. Bei der Umfrage haben wir auch gemerkt, dass wir mitverantwortlich dafür sind, dass die Leute unsere Fragen beantworten können. Zuerst haben sie nämlich nicht immer verstanden, was wir genau von ihnen wollten. Wir mussten uns also überlegen, wie wir die Fragen stellen konnten, dass die Leute uns verstehen.

Wie lernt man, Verantwortung zu übernehmen?

Lea: Man muss den Mut haben, etwas zu machen …

Planungshilfe: Projekte begleitenPlanungshilfe: Projekte begleiten Planungshilfe: Selbständige Arbeiten begleitenPlanungshilfe: Selbständige Arbeiten begleitenJeanne: … und es dann auch durchziehen und zwar ganz. Wir waren sehr entschlossen. Ausserdem muss es Spass machen, dann wird es leichter, Verantwortung zu übernehmen. Man ist dann viel motivierter, als wenn man Lückentexte ausfüllen muss.

Lea: Ja, und die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, ist auch grösser, wenn man bei der Themenwahl mitbestimmen kann.

Eines wurde im Gespräch mit den vier Schülerinnen und Schülern der 8b sehr deutlich: Sie können und wollen gezielt, selbstgesteuert und eigenverantwortlich arbeiten. Aber weil das auch mit Anstrengung verbunden ist, wollen sie mitbestimmen, bei der Themenwahl einerseits und beim konkreten Vorgehen andererseits. Nur unter dieser Bedingung fühlen sie sich motiviert und engagieren sich entsprechend. Ebenfalls wichtig war es für sie, in ihrem Lehrer eine Ansprechperson und einen Gesprächspartner zu haben. Sie wussten also, wo sie Hilfe holen konnten – ein wichtiger Punkt beim eigenständigen Arbeiten. Wer also altersgemässes Selbstmanagement verlangt, muss bereit sein, Mitbestimmung zuzulassen und adäquate Hilfestellungen anzubieten. 

Susanne Gattiker

AnhangGröße
Diesen Artikel als PDF downloaden1.3 MB
schulverlag blmv AG