2007.03: ¡No problema!

2007.03: ¡No problema!

Ich habe keine besondere Begabung,
sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.

Albert Einstein

Therese GrossmannTherese Grossmann «¡No problema!», sagte Artemio, als er sich das undichte Dach unseres Hauses auf La Palma ansah. Als Bauunter­neh­mer musste er das ja wissen. Gleich würden wir erfah­ren, wie der Schaden zu beheben sei. «¡No problema!», wiederholte Artemio. Mehr gab es dazu im Moment nicht zu sagen. Was nicht hiess, dass er das Problem nicht sah. Während meiner Jahre auf La Palma hatte ich gelernt, dass in «¡no problema!» Zuversicht mitschwang und das Vertrauen auf eine mögliche Lösung. Auch wenn man die jetzt noch nicht kannte. «¡No problema!» hiess also eigentlich: Ich habe das Problem erkannt und glaube daran, Lösungen dafür zu finden. Vielleicht halt erst mor­gen.

Lösungen zu finden, ist etwas Befriedigendes. Es war auch in meiner ganzen Schulzeit wichtig. Schon in der ersten Klasse lernte ich, wie wohl geordnet alles war: Zu jeder Aufgabe gab es eine Lösung – eine. Und wenn die richtig war, setzte die Lehrerin ein Gutzeichen daneben. Nach zwanzig Gutzeichen gab es ein Sternchen und nach zwölf Sternchen ein SJW. Wir lernten, nach den Gutzeichen neben den Lösungen zu jagen. Dabei gewöhnten wir uns auch an das angenehme Gefühl, etwas erledigt zu haben. Als wir grösser wurden, gab es keine Sternchen mehr, der Gefallen an den abgehäkelten Lösungen aber blieb. Die erste Störung dieser Welt der klaren und ein­deutigen Lösungen waren die unendlichen Dezimalbrüche. Es war zwar immer noch möglich, die Lösung abzuhäkeln, aber irgendwie gab die Lösung keine Ruhe, etwas war nicht abgeschlossen, nicht erledigt. Meine Irritation behielt ich für mich. Später ging es um komplexere Fragestellungen und Probleme. Immer kannten die Lehrer jedoch die Lösung – die sie oft wie einen Schatz hüteten. Ich bin in einer Schule grossgeworden, in der zu Fragen klare Antworten und zu Problemen eindeutige Lösungen gefunden werden mussten. Mich mit einem Problem kreativ auseinanderzusetzen, habe ich kaum gelernt. «Problemlöse­fähigkeit» war damals kein Anliegen der Schule.

Und nun, 40 Jahre später, schreibe ich an einer Profi-L- Nummer zu dieser Thematik. Problemlösefähigkeit als Schlüsselkompetenz. Offenbar haben wir Erwachsenen inzwischen erkannt, dass die Zukunftsgestaltung essen­tielle Probleme mit sich bringt. Soziale, wirtschaftliche und technische Probleme zum Beispiel. Wir ahnen, dass unsere Fähigkeiten und unser Wissen nicht ausreichen, diese Probleme innert nützlicher Frist zu lösen. Es braucht dazu auch die zukünftigen Erwachsenen, die heutigen Jugendlichen und Kinder. Sie müssen einbezogen und vor allem darauf vorbereitet werden. Was aber können Lehrerinnen und Lehrer, die während ihrer eigenen Schulzeit nicht gelernt haben, bei Problemen nach unkonventionellen und neuen Lösungen zu suchen, zur Problemlösefähigkeit von Kindern und Jugendlichen beitragen? Lassen Sie es mich gleich vorwegnehmen: Wir können Wesentliches bewirken! Denn die Fähigkeit, Probleme zu lösen, setzt sich aus vielen uns bekannten Teilaspekten zusammen, zum Beispiel aus Ausdauer, Risikobereitschaft, Fehlerfreundlichkeit. Dort können wir ansetzen und einen Unterricht gestalten, in dem diese Fähigkeiten geschult werden. Eine differenzierte Beschreibung der Problemlösefähigkeit finden Sie im Grundlagenartikel auf den Seiten 4–6.

Wer neugierig ist, will mehr wissen und Neues erfahren. Eine gute Voraussetzung, um an Probleme heranzugehen. Im Interview auf Seite 16/17 beschreibt eine Lehrerin, wie sie selbst neugierig ist auf die möglichen Lösungen der Schülerinnen und Schüler und wie sie mit ihrer Neugier als Vorbild beim Problemlösen wirkt. Offen sein und sich neue Situationen mit Phantasie ausmalen, das führt zu Ideen. Dass Kinder nur so vor Ideen sprudeln können, zeigt der Bericht auf der Kidseite über die Tagung der verschiedenen Ideenbüros. Zu einem Problem entwickelten die Kinder 240 Lösungen! Hoffentlich sind Sie nun neugierig genug, sich auf die in dieser Nummer vorgestellten Facetten der Problemlösefähigkeit einzulassen.

Artemio hat inzwischen das Dach geflickt. Und müsste er das Rätsel in dieser Nummer lösen: ¡no problema!



Therese Grossmann


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