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Berufswahlvorbereitung

Hier geht es in die Zukunft!

Wenn Jugendliche die eigenen Fähigkeiten ins Zentrum des Berufswahlprozesses stellen, baut das Ängste vor dem Versagen ab und schafft Vertrauen in die Zukunft. Ein Gespräch mit Rosmarie Hilfiker, Berufsberaterin im Berufsinformationszentrum des Kantons Bern (BiZ).

Du arbeitest nun schon über dreissig Jahre als Berufsberaterin. Relativ neu ist, dass du in die Schule kommst und Beratungen anbietest: Jugendliche können sich für 20-minütige Kurzgespräche anmelden. Welches ist deine Rolle in diesen Gesprächen?

«Ich versuche, mit den Jugendlichen daran zu arbeiten, dass sie die eigenen Ressourcen wahrnehmen und damit bauen. Und dass sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. So nach dem Motto: ‹Mach etwas aus deinen Fähigkeiten!›»

Rosmarie Hilfiker

Rosmarie Hilfiker: Im Gegensatz zu den Beratungsgesprächen im BIZ geht es in den Kurzgesprächen vor allem um Sachinformationen zu berufswahlrelevanten Fragen. Ganz wichtig ist aber auch hier das Zuhören. Ich höre zu, möglichst ohne zu werten. Ich fange Erlebnisse auf und Gefühle wie Angst oder Frustration, die sich oft hinter vordergründigen Sachfragen verstecken. Wenn ich das, was ich höre, nicht gleich beurteile, sondern einfach mal entgegennehme, kann ich den Jugendlichen zeigen, dass sie ernst genommen werden. Wichtig ist auch, die Jugendlichen im Gespräch zu ermutigen, der Zukunft eine Chance zu geben. Wenn mir zum Beispiel ein Schüler von einem schulischen Misserfolg erzählt, sage ich: «Das ist passiert, das nächste Mal geht es vielleicht besser. Wenn du nun an einen vergangenen Erfolg denkst, wie hast du das geschafft?»

Zuhören und ermutigen könnten auch die Eltern. Braucht es dazu eine Berufsberaterin?

Natürlich können das die Eltern, sie können und sollen auch helfen, Informationen zu beschaffen. Heute sind ja auf dem Internet Berufsinformationen und die entsprechenden Links gut zugänglich, zum Beispiel unter: www.berufsberatung.ch.

Da aber der Berufswahlprozess mitten in der Pubertät stattfindet, ist die Beziehung zwischen den Eltern und den Jugendlichen nicht immer ganz störungsfrei. Also können andere Aussenstehende oder wir diesen Part übernehmen. Eigentlich ist es gar nicht so wichtig, wer was macht, viel wichtiger ist, dass die Jugendlichen überhaupt eine Begleitung haben. Wir dürfen die Jugendlichen in diesem Prozess nicht allein lassen. Wir müssen da sein, wenn nötig einen Anstoss geben und diesen auch durchsetzen. Das hilft den Jugendlichen, ihr Selbstvertrauen aufzubauen.

Einem Jugendlichen in der Beratung einen Anstoss geben, was kann das heissen?

«Wichtig ist auch, die Jugendlichen im Gespräch zu ermutigen, der Zukunft eine Chance zu geben.»

Rosmarie Hilfiker

Zum Beispiel den Anstoss geben, ein Telefon mit einem Lehrmeister zu führen, um eine Schnupperlehre zu organisieren. Erwachsene im Umfeld der Jugendlichen gehen oft einfach davon aus, dass Jugendliche doch telefonieren können, und wundern sich, dass in Sachen Schnupperlehre nichts läuft. Im Gespräch mit mir zeigt sich dann die Angst vor dem Telefonieren mit einer unbekannten erwachsenen Person. Da braucht es vielleicht die Aufforderung: «Jetzt setzt du dich einmal hin und notierst dir, was du zu Beginn des Gesprächs sagen willst.» Wenn ich noch hervorhebe, dass auch ich mich immer wieder auf Telefongespräche vorbereite, bringt das oft zusätzlich eine Entlastung. Jugendliche begleiten, kann also auch heissen, einen Anstoss zu geben, etwas Unbekanntes konkret anzupacken. Wichtig für den Jugendlichen ist die Gewissheit, dass er mit der Aufforderung nicht allein gelassen wird.

Einer unbekannten erwachsenen Person telefonisch ein Anliegen darlegen zu können, bedeutet für einen jungen Menschen ein Erfolg. Kompetenter zu werden, zum Beispiel im Kommunizieren, stärkt das Selbstwertgefühl. Da könnte auch die Schule Wesentliches zur Berufswahl beitragen. Wie nimmst du Bemühungen der Schule in diese Richtung wahr?

Die Schulen sind verpflichtet, mit einem Berufswahlkonzept zu arbeiten. Sie legen in Leitlinien fest, welches ihre Philosophie der Begleitung von Jugendlichen ist, wie sie die Eltern einbeziehen, wie sie die Kommunikation mit der Berufsberatung gestalten. Und wer von den Lehrkräften in welchen Fachbereichen an welchen Kompetenzen arbeitet. Ich wünschte mir, dass die Schulen zeitliche Gefässe fänden, um ihr Berufswahlkonzept wirklich auszuarbeiten bzw. zu reflektieren.

Um kompetenter zu werden, muss man an den eigenen Fähigkeiten arbeiten. Welche Bedeutung haben die Fähigkeiten der Jugendlichen in deinen Beratungsgesprächen?

Eine absolut zentrale Bedeutung! Den Fokus auf die Fähigkeiten zu legen ist wichtig. Zu wissen, ich kann etwas, auf das ich aufbauen kann, wirkt den Ängsten entgegen und gibt Sicherheit. Ich unterstütze die Jugendlichen im Wahrnehmen ihrer Fähigkeiten.

Welche Instrumente stehen dir dabei zur Verfügung?

«Ich setze besonders auf den Interessenkompass von Egloff.»

Rosmarie Hilfiker

Da Schulnoten nur bedingt etwas über Fähigkeiten aussagen, bin ich auf andere Instrumente angewiesen. Für die Beratung hilfreich ist es, wenn die Jugendlichen ihre Berufswahlunterlagen aus der Schule mitbringen. Das sind oft Ausschnitte beispielsweise aus dem Berufswahltagebuch von Egloff, etwa die Auseinandersetzung mit Begabungen in nicht schulischen Bereichen und Interessen. Ich setze besonders auf den Interessenkompass* von Egloff, der ist wissenschaftlich unterlegt und kann wie ein Test verwendet werden. Der Interessenkompass gibt Aufschluss über persönliche Vorlieben und über Bereiche, wo die Motivation fürs Lernen hoch ist und wo zusätzliche Fähigkeiten vorhanden sind. Das brauchen wir, um über mögliche Berufsfelder zu sprechen. Wenn wir Angaben über die kognitive Leistungsfähigkeit und das Potenzial von Jugendlichen brauchen, verwenden wir psychologische Tests. Sie sind für die Gespräche eine Art «Aussenmeinung» und Ausgangslage für das Abklären von Chancen in den verschiedenen Berufsbereichen.

Nun gibt es trotz dieser Fokussierung der Fähigkeiten immer noch Jugendliche, die Angst vor dem Versagen haben. Woran liegt das?

Oft liegt es daran, dass sich jemand mit unrealistischen Anforderungen beschäftigt und sich damit dauernd überfordert. Zum Beispiel eine weiterführende Schule anpeilt, obschon die schulische Leistungsfähigkeit nicht ausreichend ist. Mein Beitrag ist es dann, mit den Jugendlichen diese unrealistische Selbsteinschätzung zu überdenken. Ich muss also enttäuschen, auch die Eltern, die mit ihrer Erwartung häufig Druck und eben Versagensangst erzeugen. Ich zeige aber auch gangbare Wege zu anspruchsvollen Zielen auf. Ich beobachte immer wieder, dass Jugendliche, die ihre Fähigkeiten gut einschätzen können und sich dementsprechend mit realistischen Anforderungen beschäftigen, viel zuversichtlicher sind. Sie haben mehr Vertrauen in ihre Möglichkeiten und sind weniger ängstlich.

Jugendliche auf der Lehrstellensuche müssen Absagen einstecken können. Wie gehst du mit der Angst der Jugendlichen vor Absagen um?

Da steckt natürlich die Angst dahinter, nichts zu finden. Das kann sogar zu so grossen Blockaden führen, dass die Jugendlichen in dieser Phase nicht mehr in die Kurzgespräche kommen. Dabei können wir gerade in dieser schwierigen Phase Hilfe bieten. Zum Beispiel in Form von Ermutigung: Wir können die Jugendlichen auffordern – und sie auch hier wieder unterstützen –, die Gründe der Absagen herauszufinden. Lag es an der Bewerbung? An der Schnupperlehre? Am Eignungstest? Nachzufragen nach einer Absage ist zwar sehr hart, bringt aber dem Jugendlichen Anhaltspunkte für nächste Schritte. Ich sage dann jeweils: «Du kannst daraus lernen, es gibt ein nächstes Mal.» Damit setze ich auf das Weiterarbeiten mit erfolgreichen Strategien.

Schlüsse aus den Erfahrungen ziehen, das klingt nach förderorientiertem Ansatz.

Das ist es auch. Ich versuche, mit den Jugendlichen daran zu arbeiten, dass sie die eigenen Ressourcen wahrnehmen und damit bauen. Und dass sie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben. So nach dem Motto: «Mach etwas aus deinen Fähigkeiten!»

Therese Grossmann
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