Den Lernerfolg mit-teilen
Lernziele und persönliche Fortschritte
Den Lernerfolg mit-teilen
In einem Jahreskurs arbeiten Erwachsene an persönlichen Lernzielen zum Lesen und Schreiben. Dabei erfahren sie, wie die Gruppe den Lernprozess mitträgt. Ein Gespräch mit der Kursleiterin Lilly Gurzeler.
Wer sich für einen Jahreskurs anmeldet, kommt jeden Donnerstagabend für zwei Stunden zu dir in den Kurs. Mit welchen Zielen?
Meistens sind es recht allgemeine Ziele im Bereich Schreiben. Wer in den Kurs kommt, möchte besser schreiben können, weniger Fehler machen in den E-Mails oder in Protokollen. Deshalb beginne ich in meinen Kursen mit Zielen zur Rechtschreibung. Die Arbeit an diesen Zielen bringt schnelle, gut sichtbare Erfolge.
Anhand eines selbst geschriebenen Textes mache ich mit jedem Teilnehmer / jeder Teilnehmerin eine Fehleranalyse. Das bringt sehr oft schon eine spürbare Entlastung, weil die Fehler gruppiert werden und nicht mehr einfach als grosse Menge erscheinen. Anschliessend bestimme ich mit den Teilnehmenden – wiederum im persönlichen Gespräch – die Einzelschritte, die auf ein bestimmtes Ziel, zum Beispiel die Gross- und Kleinschreibung, hinführen.
Fast die Hälfte der Kurszeit arbeiten die Teilnehmenden an ihren individuellen Zielen. Im Einzelteaching sprechen wir über die Fortschritte und über weitere Ziele.
Es geht also um individuelle Lernziele und um persönliche Fortschritte. Warum setzt du dennoch auf die Lerngruppe?
Nur die Gruppe bietet die Chance des Austauschs. Dass das Öffnung bedeutet und damit das individuelle Lernen fördert, habe ich in der eigenen Schulzeit erfahren. Da war zuerst Wettbewerb, jeder kämpfte gegen die andern, den Lehrer und letztlich auch gegen sich selbst. Mit einer neuen Lehrerin erfuhren wir, was es heisst, etwas gemeinsam anzugehen, auf andere zu hören, sich auszutauschen. Wir erlebten, wie wir offener wurden gegenüber dem Lernen. In meinen Kursen arbeite ich an dieser Öffnung durch die Lerngruppe. Dazu gehört auch, Lernerfolge mitzuteilen und sie so mit andern zu teilen.
Eine Kursteilnehmerin erzählt zum Beispiel, dass ihre Chefin schon mehrmals gesagt habe, die Texte seien besser geworden, und kürzlich gefragt habe: «Kannst du mir mal meinen Text durchlesen?» Das löst in der Gruppe Freude am Erfolg der Kursteilnehmerin aus. Es wird auch als Erfolg der Gruppe wahrgenommen, und das wiederum stärkt den einzelnen Teilnehmer, die einzelne Teilnehmerin. Die Gruppe hilft das Motto zu stützen: «Ich will meine eigenen Lernerfolge sehen und auch andere sollen meine Lernerfolge sehen.»
Erfolgreiches Lernen bedeutet auch, sein Können zu zeigen und einzubringen. Wie kann das in der Lerngruppe geübt werden?
Wer einen Kurs besucht, kommt oft mit einer defizitorientierten Haltung, die sich an Misserfolgen ausrichtet. In der Gruppe trainieren wir, das Gelungene zu sehen und das einander auch mitzuteilen. Einer andern Person ein positives Feedback zu geben wie «Du kannst das so gut, kannst du mir das auch mal erklären?» ist immer auch eine Wahrnehmungsübung für das eigene Können.
Loben können und gelobt zu werden sind wesentlich. Eine andere Übungsgelegenheit bietet sich, wenn die Teilnehmenden einen Text über ihr Arbeitsfeld verfassen und diesen dann den andern vorstellen. Sie erfahren dabei, dass sie als Gesprächspartner interessant sind, etwas zu sagen haben, auf etwas zurückgreifen können, was sie wissen. Dass sie in ihrem Gebiet sogar brillieren können. Eine weitere Übungsmöglichkeit, sich einzubringen, ist das Argumentieren. Das bedeutet ja auch, etwas von sich zu bejahen und offenzulegen.
Argumentieren ist ein Aspekt der Kommunikationskompetenz. Was bringt den Teilnehmenden die Stärkung dieser Kompetenz?
Wenn sie lernen, etwas zu begründen, erfahren sie, wie sie nicht nur sprachlich stärker werden. Sie merken, dass ihr Auftritt Wirkung hat, dass sie zur Geltung kommen. Sie können für eine Idee einstehen und müssen sich nicht mehr einfach nur anpassen, weil ihnen die sprachlichen Werkzeuge und die Selbstüberzeugung fehlen. Das Gefühl mitgestalten zu können ist befriedigend und motivierend für den persönlichen Lernprozess. Wichtig ist auch, Fragen stellen zu können. Die Teilnehmenden kommen oft mit der Haltung und Erfahrung, dass Fragen zu stellen Dummheit offenbart. In der Kursgruppe provozieren wir dann immer wieder Situationen, in denen Fragen Einblicke in anderes Denken geben und damit spannende Gespräche auslösen. Oder wir befreien die Fragen, die Nichtwissen signalisieren, von ihrem Tabucharakter, indem wir zusammen laut denken und dadurch einander auch unsere Unsicherheiten zeigen.
Wie baust du die Lernkultur in der Gruppe auf?
Am ersten Kursabend machen wir zum Beispiel die bekannte Übung des gemeinsamen Turmbaus. In der Reflexion entdecken die Teilnehmenden, wie wichtig es ist, ressourcenorientiert zu handeln. Das heisst, auf die Stärken der Einzelnen zu bauen. Dies ist aber nur möglich, wenn sich die Teilnehmenden einbringen und sich zeigen.
Mit der Turmbauübung kann ich erklären, dass es auch für die Gruppe interessant ist, wenn eine Einzelperson Lernfortschritte macht. Dass also die Gruppe die individuellen Lernprozesse mitträgt. Das heisst, dass sie einerseits den persönlichen Erfolg verstärkt und andererseits den Lernfrust erträglicher macht. Wie im Sprichwort von der geteilten Freude und dem geteilten Leid.
Damit sich eine wirkungsvolle Lerngruppe entwickelt, müssen die Teilnehmenden einen grundsätzlichen, wenn vielleicht auch minimalen Gruppenkonsens aufbringen. Das bedeutet auch eine verbindliche Haltung gegenüber der Gruppe. Ich sage jeweils: «Wer einen Kurs besucht, arbeitet an eigenen und an gemeinsamen Lernzielen. Es geht um mehr, als ‹besser› mit zwei ‹ss› zu schreiben.»
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