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Den eigenen Text aus einer anderen Perspektive erfahren

Fremde Augen sehen mehr

Ein Sommermorgen über dem Gürbetal. Es riecht nach frisch geschnittenem Gras, Kühe weiden auf dem Feld beim Schulhaus. «Idyllische Lage», denkt die urbane Reporterin, als sie ins noch leere Schulhaus tritt. Im Klassenzimmer bringt Reto Mani die sechs Computer zum Laufen. «Morgenstart» steht an der Wandtafel. Das erweckt Vorstellungen von einem gemeinsamen Anfang, im Sitzkreis zum Beispiel.

Allmählich trudeln die Kinder ein, Sarayut zeigt dem Lehrer nach der Begrüssung das nun fertige Heft; ein Knabe erklärt, warum er die Hausaufgaben nicht machen konnte. Lorenz weist auf den Inhalt seiner Papiertaschen und flüstert dem Lehrer «Geburtstagsüberraschung für die grosse Pause» zu. Ein Mädchen setzt sich nach der Begrüssung an den Computer, um mit Stellenübungen zu arbeiten. Ein Knabe begibt sich an den runden Tisch im Zimmer, er will mit seinem Lehrer die Lesespur-Aufgaben besprechen. Der Unterricht hat begonnen.

Ankommen dürfen

«Morgenstart» heisst also nicht, sich unmittelbar nach der Ankunft auf etwas Gemeinsames auszurichten. «Morgenstart» bedeutet eine offene Unterrichtsphase mit obligatorischen und freiwilligen Aufträgen. Das bietet Raum fürs Ankommen und Zeit für kleine Gespräche. Jedes Kind kann sich morgens in seinem Tempo auf die Arbeit einstellen – und auch auf die andern Kinder. Im Klassenzimmer breitet sich eine intensive, friedliche Lernatmosphäre aus: Zwei Mädchen arbeiten zusammen mit dem Wörterturm, einer selbst gebauten Rechtschreibekartei. Sie diktieren einander Wörter, um anschliessend zu besprechen, welche Wörter in die Schublade «gespeichert» gehören. Michael füllt ganz konzentriert die Zeilen in seinem Schreiblehrgang. Livia und Stefan sitzen nebeneinander am Pult, beide ganz in ihre Bücher versunken.

Reto Mani benützt diese Zeit für individuelle Hausaufgabenkontrollen, Beratungen oder einfach nur für kurze Einzelkontakte. Die Kinder halten ihre erste Klassenregel, im Flüsterton miteinander zu sprechen, gut ein. Das ist nötig, damit sie im selben Raum allein oder mit andern zusammen arbeiten können.

Die Gemeinschaft pflegen

Nach einer halben Stunde fordert Reto Mani die Schülerinnen und Schüler auf, ihre Arbeiten abzuschliessen bzw. zu unterbrechen. Jetzt erst wird von den Kindern eine Aufmerksamkeit erwartet, die sich auf die Gruppe ausrichtet. «Wo ist eigentlich Stefan?», will ein Knabe wissen. Reto Mani erklärt, warum Stefan erst später in die Gruppe kommt, und teilt mit, dass Lorenz heute Geburtstag hat. «Happy birthday to you» singen die Kinder und unterschreiben die Geburtstagskarte, die der Lehrer zirkulieren lässt. Die Bereitschaft der Kinder, nach dem individuellen «Morgenstart» etwas gemeinsam zu tun, ist nun gross. Ebenso die Konzentration auf die Informationen, die Reto Mani zum Morgenverlauf gibt. Den Auftrag für die nächste Arbeit – zu zweit an Texten zu arbeiten – setzen die Kinder deshalb nach einer kurzen Einführung ohne Rückfragen um.

Zusammen an Texten arbeiten

Für die Besprechung in den Zweierteams bringt jedes Kind einen «Morgentext» mit, den es am Vortag geschrieben hat. Zuerst lesen die Kinder einander den Text vor und beantworten die Frage: «Was gefällt mir an deinem Text, was nicht?» Dass es in diesem Alter noch gar nicht so einfach ist, eine Meinung zu einem Text zu haben und diese zu äussern, zeigt das immer wieder stockende Gespräch der zwei Knaben, die sich für die Besprechung einen gut geschützten Platz unter der Fensterbank ausgesucht haben. «Es geht etwas lange, bis man einen Text geschrieben hat, und dann wieder lange, bis man ihn besprochen hat.»

Offensichtlich ist das Schreiben an sich schon eine Anstrengung für die beiden, und dann erst recht das Überarbeiten. Sie sind deshalb froh um die Fragen aus dem «Sprachfenster», die das Gespräch wieder ein wenig in Bewegung bringen. Hinter dem Paravent sitzen Anita und Renate. Sie diskutieren, ob Anita anstelle von «Velo» «Fahrrad» schreiben soll. Ihr Nachschlagewerk, die «Wörterkiste», hilft ihnen diesmal nicht bei der Entscheidung. Es stehen ja beide Wörter drin und die Mädchen können mit dem Hinweis, «Velo» sei schweizerisch, nicht viel anfangen. «Dürfen wir in einem hochdeutschen Text ein Wort brauchen, das schweizerisches Deutsch ist?», fragen sie ihren Lehrer. Dieser hört gerade einem Gespräch zwischen Seraina und Jacqueline zu, die sich fragen, welches der Unterschied zwischen einem «Znüni» und einem «Pausenbrot» sei. Ob zum Beispiel ein Apfel auch ein «Pausenbrot» sein könne.

Gemeinsam eine sprachphilosophische Frage klären oder gemeinsam um die Motivation ringen, einen selbst geschriebenen Text nochmals in die Hand zu nehmen – die Bandbreite ist gross. Und doch haben die meisten Kinder das Gefühl, einen Schritt weiter gekommen zu sein. Das zeigt die kurze Auswertungsrunde am Schluss der Sequenz.

Nach Forst gekommen ist die Reporterin mit dem Fokus auf Deutschunterricht, speziell auf die Überarbeitung von Texten. Jetzt fährt sie durchs Gürbetal zurück mit der überzeugenden Erfahrung, dass jede bewusst und reflexiv durchgeführte Arbeit in der Schule zum Aufbau einer Lernkultur beiträgt, unabhängig vom Fach. Und dass es einen wirkungsvollen Zusammenhang gibt zwischen «Raum für das einzelne Kind» und «Offenheit für die Gruppe».

Therese Grossmann
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